Der ganz normale Wahnsinn

Alle haben Angst. Die Medien sind voll davon, die Zeitungen, das Internet. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Angst. Angst. Angst.

Die Jungen haben Angst, dass das Klima endgültig kippt. Die Alten haben Angst, dass die Rente nicht reicht. Die Reichen haben Angst, dass sie verarmen. Die Armen haben Angst, dass sie noch ärmer werden. Die Mittelschicht hat Angst vor dem Absturz. Der Mittelstand hat Angst, dass die Chinesen alles wegkaufen. Schlimm, schlimm. Und die Politik erst: Gibt es jemanden, der keine Angst hat, dass Trump den falschen Knopf drückt? Oder Kim? Oder Putin? Die einen haben Angst zu sterben, die anderen haben Angst zu leben. Manche haben Angst, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fällt.

Hmm. Was meinen Sie, wie oft ich die Volksfreund-Redaktion ermuntere und ermahne, positiv-konstruktiv an die Dinge heranzugehen, nicht immer schwarzzumalen (sondern auch mal bunt), nicht ein ums andere Mal das Negative aus Themen aller Art herauszupulen?!

Irgendwie steckt’s drin in unseren Genen, in unseren Steinzeit-Gehirnen. Wir wollen halt wissen, ob Gefahr droht – damit wir uns in Sicherheit bringen können. Lauert ein Säbelzahntiger hinter dem nächsten Busch? Angst! Weg! Ein uraltes Verhaltensmuster, überlebenswichtig.

Bloß: In der Jetztzeit, in der digitalisierten, total vernetzten, dauer­erregten Gesellschaft, nervt das Stakkato der schlechten Nachrichten: Angst erzeugt Angst, und geteilte Angst ist doppelte Angst („geteilt“– siehe Facebook – wörtlich zu verstehen!).

Und nun das: Wissenschaftler haben Angst, dass die Menschen immer dümmer werden. Der IQ entwickelt sich rückwärts (habe ich dieser Tage im Intelligenzblatt Die Zeit gelesen). Vor hundert Jahren prägte ein Psychiater den berühmten Satz: Normal ist leichter Schwachsinn. Seitdem ging es ein bisschen aufwärts, jüngsten Erkenntnissen zufolge wieder abwärts. Oh weh!

Höchste Zeit, dass die Roboter die Macht übernehmen, die werden immer schlauer. Hat etwa jemand Angst davor? Ach was …

Neulich sprach mich eine Dame im Supermarkt an. Wirklich nett. Wir unterhielten uns länger. Sie sagte, dass sie Angst habe, diese wunderbare Kolumne werde irgendwann nicht mehr erscheinen, sie lese sie doch so gerne.

Leute, ich war total gerührt, ehrlich! Und ich verspreche: keine Angst, es geht weiter – nach meiner vorösterlichen Urlaubspause.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Schnöde Mammuts, angezahlte Boxer

Tierisch-Satirisches, frisch aus dem Volksfreund: Die Umstellung der Zeit von Winter auf Sommer und umgekehrt alle halbe Jahre bereite vielen Menschen Probleme und bringe den Rhythmus der Tiere durcheinander, analysierte jüngst einer unserer Brüsseler Korrespondenten. Und weiter: Der Hinweis auf die Flora erscheine an den Haaren herbeigezogen.

Halt! Stopp! Da stimmt etwas nicht! Anna Peters, aufmerksame Leserin aus Bleialf, hat es gleich bemerkt und sich bei Reporter Fritz-Peter Linden in der Prümer Redaktion gemeldet. Der berichtet, Frau Peters habe mit sanftem Sarkasmus darauf hingewiesen, dass es sich bei allem, was kreucht, fleucht, summt, brummt, schnurrt, bellt oder röhrt, um die Fauna handelt. Und sie habe gefragt, ob „die Gänseblümchen“ (wir sind wieder bei der Flora) „jetzt auf die Uhr gucken müssen, bevor sie aufblühen“?

Tja, wieder so ein wunderlicher Klops im Blatt, den sich niemand erklären kann. Flora oder Fauna, Hauptsache lateinische Göttin. Aber das ist eine andere Geschichte. Hat mit der Fehleritis, die ab und an für Schnappatmung sorgt, nix zu tun.

Jo mei, liest denn beim Volksfreund niemand Korrektur, höre ich bisweilen. Oh doch,  Cheflektor Jörg Lehn und ein Trupp Schriftgelehrter sorgen dafür, dass möglichst wenig Fehler in die Zeitung gelangen. Tag für Tag werfen sie sich in die Schlacht und wehren heldenhaft die Angriffe der gemeinen Wechsstabenverbuchsler ab. Gäbe es Jörg  Lehn & Co. nicht, hätten Sie, liebe Leser, zum Beispiel unlängst erfahren, dass der Klimawandel eine Tatsche ist, dass um des schnöden Mammuts willen so mancher angezahlte Boxer in eine andere Gesichtsklasse wechselt,  dass ein schockblonder Rockgebell beinahe ins Krakenhaus verbracht wurde. Gute Weichnacht, liebe Stammäste, nicht nur in der Vulkanfeifel, auch in den Fugesen! Runter mit den Spendierhosen! Der Einritt ist frei!

Alles rausgefischt von Jörg Lehn und seinen Helfern. Und wenn doch einmal ein Fehler durchflutscht … freuen wir uns über sachdienliche Hinweise des verehrten Publikums. Etwa von Anna Peters, über die Fritz-Peter Linden sagt: „Sie bleibt dran, ich bleibe ihr Verehrer und leite ihre wahren und schönen Anmerkungen gerne weiter. Die Idee gefiel ihr, weil sie die Kolumne im Leserland köstlich findet. Und damit hat sie, natürlich, ebenfalls recht, wie mit allem anderen auch.“

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Das XY-Rätsel und die Todeslinie

„Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.“ (Murphys Gesetz)

Irre! Unglaublich! Solche Fehler! Immer dasselbe: Irgendwas läuft schief, irgendwer baut Mist, und keiner weiß warum, wieso, weshalb. Immer dasselbe: Irgendeiner muss es den Leuten erklären, das Unerklärliche. Also, pack ma’s:

Warum gab es am Dienstag keine Gewinnquoten im Volksfreund, fragt Norbert Brauner. Stattdessen: eine Liste von Xen und Ys, die sich liest wie das Ergebnis einer Analyse von Chromosomen unter dem konfokalen Laser-Scanning-Mikroskop. Mit diesen „Zahlen“, meint Herr Brauner, kann niemand auch nur auf den kleinsten Lottogewinn hoffen, so etwas darf doch nicht passieren!

Stimmt. Und passiert dennoch. Unter Stress. Aus Schusseligkeit. Leider, leider hat jemand nicht aufgepasst und in der Redaktion in Trier den Knopf gedrückt, bevor die Platzhalter (X, Y) von der Redaktion in Saarbrücken, die das produziert, ausgetauscht worden waren. Minuten vor der Deadline (Todeslinie), wie der letzte Termin für die Ablieferung der Zeitungsseiten an die Druckerei genannt wird. Entschuldigung!

Immer dasselbe: Der Mensch an sich ist fehlerhaft, und die Maschinen, auf die der Mensch sich verlässt, ebenfalls. Kommt mir bekannt vor. Habe ich sicher schon mal geschrieben. Weil es so ist: Niemand ist vollkommen, niemand ist unfehlbar. Kein Papst, kein Kaiser, kein Nobelpreisträger, nicht einmal der Autor dieser Zeilen …

Nächstes Thema, anonyme Post:  Och nö, „Doc Holliday“, auf Ihre Reichsbürger-Bambule habe ich jetzt echt keine Lust … und auf die Links-Rechts-Ausleger von Ihnen, „Maximilien de Robespierre“ (sind Sie nicht längst tot, Monsieur?), auch nicht.

Bloß weg, Flucht in die Philosophie: Schöne Worte sind nicht immer wahr, wahre Worte sind nicht immer schön. Hat ein großer Denker gesagt, dieser Chinese, wie heißt er gleich? Moment, war „Spruch des Tages“ neulich im Volksfreund. Mal nachschlagen, sein Name ist: Latose.

Äh, wie bitte? Latose? Soll wohl Lao-Tse heißen, vermutet Anna Peters aus Bleialf, eine eifrige Leserin, die sich öfters bei Reporter Fritz-Peter Linden in Prüm meldet. Der  geschätzte Kollege berichtet, er stehe stets stramm und höre brav zu, was Frau Peters erzählt, denn sie lese mit Mitte achtzig (merkt man nicht!) täglich treu – und vor allem ganz und genau – die Zeitung. Und entdecke dabei die dollsten Dinge. Wunderbar, gefällt mir! Fortsetzung folgt …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Fast zu schön, um wahr zu sein

Verstehen Sie Klingonisch? Sie wissen schon, die Sprache der Bewohner des Planeten Qo’noS, draußen in den unendlichen Weiten des Star-Trek-Universums. Ungefähr so: RkReÜAÜG. GrundVZÜV. BDGBIBBBMinBFAnO.

Es braucht Hochbegabte wie den Halb-Vulkanier Mr. Spock (der mit den spitzen Ohren und dem grünen Blut), um Klingonen-Sprech in menschliche Laute zu übersetzen.

RkReÜAÜG = Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz.

GrundVZÜV = Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung.

BDGBIBBBMinBFAnO = Anordnung zur Durchführung des Bundesdisziplinargesetzes bei dem bundesunmittelbaren Bundesinstitut für Berufsbildung im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Hoppla, das ist ja gar nicht Klingonisch! Das sind ja Abkürzungen von Wortungetümen, erdacht und geradebrecht in Amtsstuben, Behörden, Ministerien. Sankt Bürokratius!

Den Deutschen eilt seit je der Ruf voraus, alles regeln zu wollen, selbst das Unregelbare. Faszinierend, würde Mr. Spock sagen. Zu jedem Thema gibt es Vorschriften, Bestimmungen, Gesetze, Paragrafen – oft legendär verquast: „Das Huhn ist aus ethologischer Sicht ein sozial und territorial lebender Scharr- und Flattervogel mit klar strukturierter Rangordnung, dessen wichtigstes Fortbewegungsmittel die Beine sind“ (aus einem Beschluss des Bundesrats).

Mählich, mählich ändern sich die Dinge. Auffällig etwa der Trend zur Wohlfühl-Wortwahl: das Starke-Familien-Gesetz, das Gute-Kita-Gesetz, die Respekt-Rente. Kuscheliges Vokabular, fast zu schön, um wahr zu sein.

Sprachpsychologie! Die Taktik, die dahintersteckt, heißt: Framing (englisch für: Rahmung). Jedes Wort, das wir lesen oder hören, weckt Assoziationen, Vorstellungen, Gefühle.

Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz: Was kommt Ihnen in den Sinn? Nix verstehn, irgendwie negativ, oder? Und Gute-Kita-Gesetz? Glückliche Kinder, zweifellos positiv. Der Rahmen, in dem sich Ihre Gedanken bewegen, ist gesetzt. Mission erfüllt.

Wenn Politiker oder ihre Berater solche Begriffe aushecken, geht es darum, uns zu beeinflussen: wie wir über die Welt denken (sollen), wie wir uns verhalten (sollen).

Manipulation mit Sprache, ha! Klingonen würden so etwas nie tun.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Keine Witze über Witze, bloß nicht!

Also, wenn Sie mich fragen – höchste Zeit, dass jemand diesen Wahnsinn stoppt. Im Karneval Witze zu reißen über Frauen mit Doppelnamen wie Annegret Kramp-Karrenbauer. Mannomann, Bernd Stelter, geht gar nicht! Zum Glück haben die Aufpasser der ARD diese schlimme Entgleisung aus der Kölner Kappensitzung rausgeschnitten. Noch doller: Kramp-Karrenbauer selbst. Steigt in Stockach beim Narrengericht in die Bütt und feixt über das dritte Geschlecht. Hör uff! Gut, dass die notorisch Empörten und Aufgeregten in den sozialen Netzwerken diesen abgrundtiefen Skandal aufgedeckt haben.

Liebe Leute, noch nie von politisch korrekter Sprache gehört?! Man macht sich in Deutschland nicht lustig über … alles und jeden.

Frauen. Diverse. Alte. Dicke. Juden. Eski…, nein, die heißen: Inuit. India…, ich meine: Native Americans, eingeborene Amerikaner. Eine Hamburger Kita will nicht, dass sich Kinder als India… kostümieren – damit sich niemand erniedrigt, entwürdigt, gedemütigt fühlt. Jungs verkleiden sich stattdessen als Meerjung-Männer. Grundgütiger Manitu!

Kein Rassismus! Kein Sexismus! Kein Imperialismus! Niemals!

Jedoch: Das Anti-Diskriminierungs-Mantra ist zu einer Haltung, zu einem Lebensstil mit Tendenz zur maßlosen Übertreibung geworden.  Wenn das nicht endet, ist bald alles verboten und jeder ein Opfer.

Mohr und Neger: rassistische Schimpfwörter, tabu, unstreitig. Politisch korrekt: Afrikaner, Afroamerikaner, Afrodeutsche, Schwarze, dunkelhäutige Menschen subsaharischer Abstammung. Pippi Langstrumpfs Papa hat als Negerkönig abgedankt (jetzt: Südseekönig), er versteht die Negersprache nicht mehr (jetzt: Taka-Tuka-Sprache).

Zigeuner und Fahrendes Volk: rassistische Schimpfwörter, tabu, unstreitig. Politisch korrekt: Sinti und Roma. Mobile ethnische Minderheit. Oder, ähh, Rotationseuropäer.

Ausländer? Uiuiui! Neudeutsch: Menschen mit Migrationshintergrund. Lehrlinge haben sich in Auszubildende verwandelt. Der Toilettenmann putzt im Range eines Facility Managers. Und Krankenschwestern sind Pflegekräfte – erstens, weil der Ruf nach der Schwester angeblich etwas Herablassendes hat, zweitens, um ausnahmsweise die Männer vor Diskriminierung zu schützen: Krankenbrüder? Puh!

Upps, ich habe vergessen, dass man über Witze nicht witzelt. Das mag die Gesinnungspolizei, Sonderkommissariat Sprachterror, gar nicht, weil: politisch nicht korrekt …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Nein, das lässt sich nicht singen …

Genialer Bursche, dieser Platon. Sein Lieblingsthema vor zweieinhalb Jahrtausenden: Was ist Fakt, was ist Meinung? Alle Achtung, alter Grieche! Nebenbei dröselte der Denker auf, woher wir kommen und was wir sind: männliche Kugelmenschen (von der Sonne), weibliche Kugelmenschen (von der Erde), androgyne Kugelmenschen (halb männlich, halb weiblich, vom Mond). Herrlich poetisch, dieser Mythos von den drei Geschlechtern – im Gegensatz zum Gewese um Gender-Sprech im Hier und Jetzt! Nach Lage der Dinge sind in Deutschland per Gesetz vorgesehen: männlich (m), weiblich (w), divers (d). Was im Alltag allerlei verbale Verkrampfungen provoziert.

Eberhard Hoos aus Trier meint dazu: Weil ich gerade etwas über „Bürger*innen“ lese: Wie wäre es mit „Bürgende“? Würde auch (d) miteinbeziehen!

Lieber Herr Hoos,

hübscher Wortwitz. Sie machen spielerisch auf ein Problem aufmerksam: Wenn wir jedes Wort darauf abklopfen, ob es politisch korrekt ist, wird Kommunikation schwierig. Kleiner Test:

Die Europahymne (Ode an die Freude): Alle Menschen werden Brüder. Falsch, Friedrich Schiller! Politisch korrekt: Alle Menschen werden Brüder, Schwestern, Diverse.

Die Nationalhymne: Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland. Falsch, August Heinrich Hoffmann von Fallersleben! Politisch korrekt: Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland, Mutterland, Diversland.

Nein, das lässt sich nicht singen, und überhaupt: Es ist nicht so einfach, mit Wörtern die Wirklichkeit zu verändern.

Vielleicht schaffen es ja die Leute von Facebook. Die haben sechzig Geschlechter identifiziert, und wer sich in dem Netzwerk anmeldet, hat die Wahl: androgyner Mensch, androgyn, bigender, weibliche, Frau zu Mann (FzM), gender variabel, genderqueer, intersexuell (auch inter*), männlich, Mann zu Frau (MzF), weder noch, geschlechtslos, nicht-binär, weitere, Pangender, Pangeschlecht, trans, transweiblich, transmännlich, Transmann, Transmensch, Transfrau, trans*, trans* weiblich, trans* männlich, Trans* Mann, Trans* Mensch, Trans* Frau, transfeminin, Transgender, transgender weiblich, transgender männlich, Transgender Mann, Transgender Mensch, Transgender Frau, transmaskulin, transsexuell, weiblich-transsexuell, männlich-transsexuell, transsexueller Mann, transsexuelle Person, transsexuelle Frau, Inter*, Inter* weiblich, Inter* männlich, Inter* Mann, Inter* Frau, Inter* Mensch, intergender, Intergeschlechtlich, zweigeschlechtlich, Zwitter, Hermaphrodit, Two Spirit drittes Geschlecht, Viertes Geschlecht, XY-Frau, Butch, Femme, Drag, Transvestit, Cross-Gender.

Wenn es denn der Wahrheitsfindung dient …

Auffallend: In der deutschen Politik gibt es einen Trend zur Wohlfühl-Wortwahl: das Starke-Familien-Gesetz, das Gute-Kita-Gesetz, die Respekt-Rente … ach, wie schön das klingt! Mit rosa Schleifchen um die Zunge verkündet. Hört her, liebe Bürgende (vulgo: Volk m/w/d), seid brav, wir tun euch Gutes!

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Guten Morgen, auch schon wach?!

Na, noch neugierig, liebe Leserin, lieber Leser? Das hoffe ich doch! Auf geht’s, in eine neue Runde des Forums mit einem nicht ganz neuen Thema.

Carlo Stoffels schreibt: „Der TV berichtete“ – was soll diese Floskel, die in letzter Zeit immer häufiger auftaucht? Natürlich berichtet und berichtete der TV über zurückliegende Ereignisse. Das ist sein Auftrag und sein Geschäftsmodell. Wenn Sie wenigstens die entsprechende Ausgabe mit Datum dazuschreiben würden, wäre es nachvollziehbar und hätte auch einen informativen Aspekt, indem man den Hintergrund und Ablauf des jeweiligen Ereignisses zum Beispiel über Ihre Internetseite zurückverfolgen könnte. Aber so hat es lediglich den Anschein der Selbstbeweihräucherung, ohne jeglichen informativen Charakter. Schade eigentlich! Der Spiegel zum Beispiel schreibt jedes Mal Jahr und Ausgabe des Artikels dazu, in dem auf den entsprechenden Artikel Bezug genommen wird und nicht einfach nur „der Spiegel berichtete“.

Vielleicht könnte man die Zeit, die zum Einbau dieser Floskel benötigt wird, nutzen, um die nicht unerhebliche Anzahl orthographischer Fehler in Ihren Beiträgen zu korrigieren.

Selbstverständlich werden Sie diesen Leserbrief eher nicht veröffentlichen – würde mich sehr überraschen. Aber ich möchte es nur wieder einmal erwähnt haben.

Lieber Herr Stoffels,

vielen Dank für Ihre Anregung, die wir in dieser Kolumne schon einmal verhandelt haben (der TV berichtete am 21./22. Juni 2014). Macht  nichts, die Frage ist ja zeitlos schön: Was soll das, dieser ständige Hinweis auf frühere Berichterstattung, diese Beschwörungsformel, diese Marotte? Nervig. Sinnlos. Und der Verdacht der Selbstbeweihräucherung, wie Sie schreiben, oder, sagen wir sachlich: des Marketings, ist wohl nicht von der Hand zu weisen. Warum also? Es gibt gute Gründe:

Der TV berichtete – das signalisiert: Liebe Leser, jetzt folgt das nächste Kapitel einer Geschichte, an der wir schon seit einiger Zeit schreiben. Wir erzählen, wie es weitergeht, wir bleiben dran, wir greifen aktuelle Entwicklungen auf. Im Idealfall ergänzt um das Datum des vorigen Artikels. Wenn es sich um Dauer-Storys wie die Renovierung des Trierer Theaters handelt, ist das schwierig, weil womöglich Dutzende von Verweisen aufzulisten wären. Wie Fußnoten in einer Doktorarbeit.

Der TV berichtete – das signalisiert auch: Liebe Leser, diese Neuigkeiten haben wir für Sie recherchiert, das ist „unser“ Thema. Vielleicht haben Sie im Radio davon gehört, vielleicht im Fernsehen einen Beitrag darüber gesehen, vielleicht irgendwo im Internet etwas gelesen. Und damit Sie nicht denken: Guten Morgen, Volksfreund, auch schon wach …, zeigt die Redaktion an: Wir haben uns damit beschäftigt, bevor andere Medien aufgesprungen sind.

Der TV berichtete – das signalisiert zudem: Liebe Leser, diese Zeitung ist ihr Geld wert, denn viele Informationen, die wir liefern, sind exklusiv, die bekommen Sie nur bei uns, dafür haben wir hart gearbeitet – und auf das Ergebnis sind wir stolz.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Drei Regeln für ein faires Rennen

Okay, liebe Leserin, lieber Leser, sind Sie bereit für ein bisschen Regelkunde?  

Noch hundert Tage bis zum Superwahlsonntag im Volksfreund-Land.  26. Mai 2019: Wir wählen das Europäische Parlament, wir wählen Stadträte, wir wählen Gemeinderäte, wir wählen Kreistage, wir wählen Verbandsgemeinderäte, wir wählen Bürgermeister.

Noch hundert Tage … Wahlkampf, kontinental und lokal. Parteien werfen ihre Netze aus. Politiker tingeln durch die Lande, putzen Klinken, lächeln von Plakatwänden. Sie twittern und instagrammen und whatsappen um die Wette (oder lassen twittern und instagrammen und whatsappen), sie sammeln „Freunde“ in Facebook (oder lassen sammeln), sie engagieren Influencer, die ihre Botschaften auffällig-unauffällig verbreiten.

Ein Rennen um Aufmerksamkeit auf dem Marktplatz der Meinungen. Themen, Thesen, Temperamente auf allen Kanälen, in allen Medien, analog und digital, in allen Genres,  darunter: Leserbriefe in Zeitungen.

Immer wieder werde ich gefragt: Was geht im Volksfreund? Meine Antwort: fast alles, die Spielregeln sind einfach. Hier ein Überblick:

Regel Nummer eins: Ihre Meinung zählt! Ob Sie die Partei X, Y oder Z gut finden oder nicht, ob Sie die Standpunkte von Redakteuren teilen oder genau das Gegenteil für richtig halten – der Volksfreund ist überparteilich und veröffentlicht Ihren Beitrag (sofern nicht rechtswidrig, radikal oder, mit Verlaub, unsinnig).

Regel Nummer zwei: Keine Propaganda in Leserbriefen! Wenn in unterschiedlichen Zuschriften dieselben Wörter, dieselben Textbausteine, dieselben Phrasen vorkommen, riecht das nach Absprache. Ist da ein Ghostwriter zugange, handelt es sich um Auftragsarbeiten? Alles schon dagewesen. Der Volksfreund bringt keine Leserbriefe von Autoren, die eindimensional um Zustimmung für Parteien oder Kandidaten buhlen oder Wahlempfehlungen aussprechen – egal ob die Parteibrille des Schreibers rot, schwarz, grün, gelb oder wie auch immer gefärbt ist.

Regel Nummer drei: Nicht in eigener Sache! Manche Polit-Strategen greifen in diesen aufregenden Zeiten selbst in die Tasten und reichen Leserbriefe ein, in denen sie erklären, warum sie und ihre Partei die schönsten, besten, tollsten weit und breit sind und die anderen doof. Wird nicht veröffentlicht, weil: Werbung, und die gehört in den Anzeigenteil.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Caesar erzählt vom Krieg

Caesar erzählt vom Krieg

Latein, klassisch: Gallia est omnis divisa in partes tres … der Auftakt zu Gaius Julius Caesars literarischem Kriegstagebuch De bello Gallico. Nanu, was soll das denn?! Die Auflösung folgt. Zunächst eine Zuschrift von Leserin Dr. Ute Schmidt aus Bettingen:

Über das Forum 564 habe ich mich sehr gefreut, weil endlich das Thema „Deutsche Sprache“ angegangen wird. In diesem Zusammenhang steht meine Kritik an einigen Schreibern des Volksfreunds. Was mich besonders ärgert, ist, dass durch falschen Gebrauch der Zeitangaben (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) Missverständnisse entstehen. Da liest man, dass jemand einen Vortrag hält und freut sich darauf – bis man feststellt, dass der Vortrag bereits gehalten worden ist. Oder dass eine Straße gesperrt ist – obwohl das erst irgendwann sein wird. Ich könnte täglich Beispiele nennen …

Liebe Frau Dr. Schmidt,

vielen Dank für Ihre Anmerkungen zur Zeitungssprache und die treffende Kritik an manch über­flüssiger Irritation. „Merkel tritt zurück“, „Dortmund gewinnt Meisterschaft“, „Mann erschlägt Onkel mit Axt“ – es geht immer um das Jetzt. Wer solche Schlagzeilen liest, hat das Gefühl, Neuigkeiten zu erfahren, die in eben diesem Moment passieren. Darum die „falsche“ Zeit.

Die Gegenwartsform (Präsens) sorgt für Tempo und Dynamik. Im Alltag sagen die wenigsten Menschen ihren Liebsten am Telefon: Ich werde um Mitternacht nach Hause kommen. Sondern: Ich komme um Mitternacht nach Hause.

Journalisten sprechen ihre Leser/Zuschauer/Hörer direkt an: Ich habe prickelnde Neuigkeiten für Sie, und weil ich weiß, dass Sie es eilig haben, mache ich es kurz, anschaulich, lebhaft. Ein bisschen Psychologie spielt hinein: Im Präsens bleiben die Nachrichten länger frisch und wirken nicht, gähn, wie von gestern.

Gar nicht gut jedoch, wenn es Missverständnisse gibt, weil die verwendete Zeitform in die Irre führt. Das ist ärgerlich, das lässt sich vermeiden – durch geschicktes Formulieren (dazu braucht es Sprachgefühl), durch Herumfeilen an Texten (das ist anstrengend).

Und was hat Caesar mit all dem zu tun? Sein Bericht über den Gallischen Krieg (58 bis 51/50 vor Christus) ist legendär – auch wegen der sprachlichen Extraklasse. Der römische Staatsmann, Feldherr und Autor erzählt Historisches im Tempus der Gegenwart, um die Spannung zu steigern, um die Dramatik der sich überstürzenden Ereignisse zum Ausdruck zu bringen, um die Leser zu fesseln. Stilprägend, vor mehr als zwei Jahrtausenden. Gallien in seiner Gesamtheit zerfällt in drei Teile …

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Die Kunst des Müßiggangs

Sie sind genervt? Sie sind gestresst? Sie sind zappelig? Hmm. Könnte mit diesem Internet-Dings zu tun haben. Könnte sein, dass FOMO die Ursache ist – die erste Social-Media-Krankheit. Sie breitet sich wie ein Virus in der digitalen Gesellschaft aus. FOMO bedeutet: Fear of missing out, zu Deutsch: Angst, etwas zu verpassen.

Besonders anfällig für eine Infektion ist die Generation Z. Junge Menschen, anscheinend verwachsen mit ihrem Smartphone, die den halben Tag auf Facebook oder sonstwo im Netz abhängen, die ziellos herumsurfen, die sich sorgen, dass sie nicht mitbekommen, was ihre Freunde treiben. Rast- und ruhelos auf der Jagd nach (scheinbar) wichtigen Posts und Nachrichten. Die nie abschalten, die immer erreichbar sind. Überall und jederzeit. Beim Lernen, beim Arbeiten, beim Essen, beim Autofahren, beim …

Jeder Fünfte würde einer Studie zufolge eher auf Sex verzichten als auf sein Suchtgerät.

Die Diagnose: zwanghaft abhängig von digitalen Medien.

Die Therapie: Manche merken, dass sie ihre Zeit verplempern. Sie springen ab vom Suchtkarussell. Die Gegenbewegung zu FOMO nennt sich JOMO: Joy of missing out, zu  Deutsch: die Freude, etwas zu verpassen.

Seid achtsam! Gönnt euch öfter mal eine Auszeit! Legt das Smartphone beiseite! Zieht den Stecker! Lasst die Seele baumeln! Gebt euch dem süßen Nichtstun hin! Übt euch in der Kunst des Müßiggangs!

Stress wegen der ewigen Hatz, Sehnsucht nach Entschleunigung – das gab’s auch in der analogen Welt. Die industrielle Revolution zum Beispiel brachte eine zuvor unbekannte Dynamik in das Leben der Menschen. Plötzlich war die Moderne da. Und alles anders. Tempo, Tempo, Tempo.

Der zivilisationskritische Schriftsteller Hermann Hesse (1877-1962) bewunderte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Mentalität der Bewohner des Morgenlands: „Diese Leute haben Zeit! Massen von Zeit! Sie sind Millionäre an Zeit, sie schöpfen wie aus einem bodenlosen Brunnen, wobei es auf den Verlust einer Stunde und eines Tages und einer Woche nicht groß ankommt.“ Göttlicher Müßiggang, purer Luxus: „Bei uns, im armen Abendland, haben wir die Zeit in kleine und kleinste Teile zerrissen, deren jeder noch den Wert einer Münze hat.“

Ähnlich argumentieren heute die Achtsamkeits-Apostel und ­JOMO-Jünger: Zeit ist unser kostbarstes Gut! Nutze den Tag! Freue dich, wenn du etwas verpasst!

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur