Oh je, Clara Viebig ist sauer …

Post von Clara Viebig, Villa Dürich, Mittelwalde, Glatzer Land. Ende Mai 2019. Zwei eng bedruckte Seiten. So so …

Ihre Hand sei zittrig geworden, die Tochter einer Freundin habe es freundlicherweise übernommen, den Brief mit der Maschine zu schreiben. Sie melde sich nicht mehr so häufig zu Wort, aber es bleibe ihr keine andere Wahl. Zu Hans Pfitzner müsse sie etwas sagen. Die junge Volksfreund-Redakteurin mit den herabhängenden Haaren habe es geschafft, den Mann zu brandmarken und von der Bühne zu stoßen …

Um ihn geht es: Hans Pfitzner (1869-1949), Komponist, Dirigent und Autor, politisch rechts außen zu verorten, immer wieder aufgefallen mit antisemitischen Äußerungen – in der Kaiser-Zeit, in der Hitler-Zeit, nach dem Zweiten Weltkrieg. Verirrt, verwirrt, verstrickt? Der Trierer Konzertchor wollte zum 150. Geburtstag Pfitzners dessen romantische Kantate „Von deutscher Seele“ (1921) nach Gedichten von Joseph von Eichendorff aufführen. Protest! Kultur-Macher wie der Theaterintendant Manfred Langner sprachen sich dagegen aus, Stadt und Land verweigerten Zuschüsse – wegen der NS-Nähe Pfitzners. Die Berichterstattung im Volksfreund löste eine eifrig geführte Debatte aus, nach einigem Hin und Her wurde das für den Herbst geplante Konzert abgesagt.

Sehr zum Ärger von, ähem, Clara Viebig, die ihren Brief an die Chefredaktion diktierte. Die Würde Pfitzners sei in Schmutz und Schande gezogen worden, die junge Redakteurin habe gnadenlos auf ihm herumgetrampelt. Pamphlet! Kampagne! Schmähung! Und so weiter …

Erste Pointe: Clara Viebig (1860-1952) ist lange tot. Witzige Idee, der in Trier geborenen und in Berlin berühmt gewordenen Schriftstellerin („Das Weiberdorf“) eine Verteidigungsrede auf Pfitzner in den Mund zu legen.

Zweite Pointe: Der anonyme Absender und Viebig-Ghostwriter ist erkannt – oder stecken Sie nicht dahinter, Herr S. aus G.?!

Dritte Pointe: Einen kontaminierten Künstler wie Pfitzner glorifizieren? Nein. Seine Musik singen und spielen, eingebettet in ein Programm, das seine zweifelhafte gesellschaftspolitische Orientierung thematisiert und den historischen Kontext mitdenkt? Vorstellbar. 

Wo fängt sie an, wo hört sie auf, die Empörung, oder, wie der Historiker Michael Wolfssohn sagt, die  Tugendhysterie? Etwa wenn, wie gerade in Berlin, der expressionistische Maler Emil Nolde (1867-1956) ausgestellt und als Nazi-Fan demaskiert wird – obwohl selbst als „entartet“ verfemt? Etwa wenn Fußball gespielt wird – in Hitlers Olympia­stadion? Etwa wenn ein Gottesdienst gefeiert wird, im Trierer Dom, in der Basilika – errichtet von blutrünstigen römischen Imperatoren?

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Wat geiht meck dat an?!

Sieh an! Nach der Europa-Wahl sind  einige Politiker aufgewacht. Muss ja eine gewaltige Überraschung gewesen sein für MerkelNahlesAKKundwiesie­alleheißen: Da draußen im Land gibt es offenbar Menschen, die sich um die Zukunft sorgen. Na so was! Menschen, die wollen, dass endlich etwas unternommen wird gegen die Zerstörung der Erde. Un­erhört! Menschen, die sich abwenden von denen, die das Sagen haben und nichts tun. Jedenfalls nichts, was geeignet wäre, die Erwärmung des Planeten mitsamt der fatalen Konsequenzen für alle Erdlinge aufzuhalten. Sapperment!

Zum x-ten Mal: Der Klimawandel ist eine der größten Herausforderungen, mit denen unsere Spezies je konfrontiert war. Je! Warum braucht es immer so unheimlich lange, bis die Leute kapieren, dass sie dabei sind, sich und womöglich die ganze Welt zugrunde zu richten?

Die Sache mit dem Frieden: Es hat zwei Weltkriege gedauert, bis mehr als ein paar Pazifisten davon überzeugt waren, dass die Menschheit kurz davor ist, sich selbst auszurotten. (Und wir sind mit dem Thema längst nicht durch!)

Die Sache mit der Umwelt: Dass es böse enden wird, wenn wir die Natur ausbeuten und verwüsten, wissen wir seit einem halben Jahrhundert. Mindestens. Die Grenzen des Wachstums. Langsam, ganz langsam bewegt sich etwas. Puh!

Warum bloß sind wir so träge, so ignorant? Mal die Wissenschaft fragen. Die Aufgabenstellung ist für unsere Steinzeit-Gehirne wohl zu komplex, meinen Psychologen wie Daniel Gilbert von der Harvard-Universität. Weil wir darauf spezialisiert sind, über andere Menschen nachzudenken, nicht über Ereignisse. Weil wir trainiert sind, gegenwärtige Probleme zu lösen, nicht die der Zukunft. Wäre die globale Erwärmung eine Waffe, die ein fieser Diktator auf uns richtet, würde sie uns persönlich und unmittelbar und frontal attackieren – dann kämpften wir mit aller Macht dagegen an. Ist sie aber nicht, und so hielten (und halten) es viele mit Wilhelm Buschs kultigem Bauer Mecke, der das traurige Schicksal der Knaben Max und Moritz pupstrocken kommentiert: „Wat geiht meck dat an?!“

Unter uns: Das nächste dicke Ding ist längst im Anmarsch. Eine Revolution, genauso grundstürzend wie der Klimawandel: künstliche Intelligenz, superschlaue Maschinen, die viel cleverer sind als wir. Und es ist wie immer: Ein neues Zeitalter beginnt, und (fast) keiner merkt‘s. Alles verändert sich, und (fast) keiner will es wahrhaben. Die Welt, wie wir sie kennen, wird in einigen Dekaden eine ganz andere sein, und (fast) alle sagen: Was geht mich das an?! Hallo Erdlinge, aufwachen!

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Ubi dubium, ibi libertas

In der Zeitung steht nicht die Wahrheit. Menschen, die sich als „selbst denkend“ bezeichnen, haben das nachgewiesen. Sie schicken tagtäglich Briefe, die sie mit der Floskel einleiten, sie seien „selbst denkend“. Der Begriff kommt aus dem Fundus der Rechtspopulisten. Manche benutzen ihn bewusst, andere unbewusst. Es geht weiter mit Schlagworten wie „Lügenpresse“, bevor sich die „selbst denkenden“ Menschen mit der Wahrheit befassen. Der einzig wahren Wahrheit, die nicht in der Zeitung steht. Sondern im Internet. In den Tiefen des Netzes finden die „selbst denkenden“ Menschen die Wahrheit, an die sie glauben.

Der eine weiß ganz sicher, dass die Bundesregierung Sozialhilfe-Empfänger verhungern lässt.

Der andere deckt auf, dass es keinen Klimawandel gibt.

Der nächste hat erfahren, dass geheime Eliten an der „Umvolkung“ Deutschlands werkeln.

Der übernächste ist davon überzeugt, dass eine „von oben“ gesteuerte Verschwörung im Gange ist. Nach einem festgelegten System, einem „Denkschema“, werden in deutschen Städten „Kinder vom Rad geholt“ und entführt. Staatsanwälte und Richter trauen sich nicht ran. Sie fürchten das Elysium. Neue und alte Nazis mischen mit, die Stasi, der Europäische Fußballverband, die Medien sowieso. Warum wohl tragen mehrere Fernsehmoderatoren „das marmorierte Kreuz des Andreas“?

Wieder ein anderer berichtet, er sei bei einer Kontrolle seines Autos auf einem Parkplatz in Koblenz von zwei Schlägern des Ordnungsamts verprügelt worden. Bei dem brutalen Einsatz seien ihm die Augen verätzt worden – nach dem Vorbild von Hitlers SA und SS. Die Polizei habe weggeschaut, die Justiz nicht ermittelt. Und warum? Weil er Mitglied der Partei Alternative für Deutschland sei. Terror! Hetzjagd auf Andersdenkende! Befohlen von der Clique linksradikaler Politiker, die Rheinland-Pfalz regiert. Er habe auch beobachtet, wie die Schläger vom Ordnungsamt am Bahnhof Obdachlose misshandelten. Und mit massiver Gewalt vier Hundewelpen „verhafteten“ und töteten […] 

Ubi dubium, ibi libertas. Wo der Zweifel ist, da ist die Freiheit. Mein Rat an „selbst denkende“ Menschen: Schauen Sie sich die Quellen, aus denen Sie die wahre Wahrheit schöpfen, genauso kritisch an wie die etablierten Medien – und fallen Sie nicht auf Fake-News-Verbreiter und Verschwörungstheoretiker herein.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Hömma, hier is dä Jupp

Vor einem Vierteljahrhundert und mehr, in einer Welt ohne Internet, ohne Wikipedia, ohne Smartphone, kam es nicht selten vor: Wenn die Menschen etwas wissen wollten und kein Nachschlagewerk zur Hand war, riefen sie bei der Zeitung an. Gerne zu vorgerückter Stunde, gerne aus der Kneipe. „Hömma, hier is dä Jupp“, klang es zum Beispiel aus dem Telefonhörer. Im Hintergrund Gejohle. „In welcher Runde hat dä Schmeling damals dä Louis k.o. geschlagen?“ Ah, der erste Kampf der beiden legendären Schwergewichtsboxer, Juni 1936, New York … das war: die zwölfte Runde. „Siehste, Paul, hab’ ich doch gesagt“, dröhnte es aus dem Hörer. „Wette gewonnen, du zahlst die Zeche!“ Gejohle, aufgelegt.

So etwas fragt kaum noch einer; es lässt sich jederzeit und überall googeln. Jetzt ruft dä Jupp bei der Zeitung an, um darzulegen, was in diesem oder jenem Artikel nicht gestimmt hat. Oder schreibt eine Mail. Oder schimpft auf Facebook. „Hömma, ich hab irgendwo gelesen, dat dat so und so war und nit so, wie ihr geschrieben habt.“ Fehler passieren. Und werden korrigiert.

Schwierig wird’s, wenn dä Jupp alternative Fakten auftut, die er für echt hält, die sich aber nicht überprüfen lassen. „Hömma, dä Schmeling hat ja für dä Hitler unn dä Goebbels… bring dat mal in die Zeitung!“ Ach, Jupp …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Selbsterfüllende Prophezeiung

Es ist immer wieder faszinierend  zu beobachten, wie Vorurteile und Meinungen in die Welt gelangen, sich verfestigen, zu selbsterfüllenden Prophezeiungen entwickeln und – vielleicht – als Verschwörungstheorie verröcheln. Ein klitzekleines, in der Sache belangloses, aber typisches Beispiel:

Herr H. A. aus Bayern schreibt, er sei als ehemaliger Trierer dieser Tage in seiner Geburtsstadt gewesen: „Wie haste dir verändert!“ Viel Erfreuliches, aber auch so manches Abschreckende (Marx-Statue). Zu zwei Berichten im Volksfreund habe er Leserbriefe verfasst, die er der Redaktion nun zuleite.

Fein, der Blick von außen tut gut, ist oft erfrischend, eröffnet mitunter neue Perspektiven.

Erstes Thema: Verkehrslärm, verursacht durch Motorräder, warum  die Politik nichts dagegen unternimmt und die Kirche derlei „Terror“ auch noch segnet („so wie früher Panzer“). Zweites Thema: das Trierer Nordbad und die Kosten fürs Wärmen des Wassers nebst einiger Vorschläge, wer „nur mal das Gehirn einschalten“ sollte („sofern ausreichend vorhanden“), um das Problem zu lösen.

Okay, nicht besonders aufregend, wir bringen die Zuschriften im Lokalteil.

Halt! Herr H. A. aus Bayern hat fettgedruckt vermerkt: „Bitte nennen Sie meinen Namen nicht, es ist gefährlich geworden, in Deutschland seine Meinung kundzutun, wenn diese nicht dem Mainstream entspricht.“

Das finde ich merkwürdig. Wenn es einen Mainstream („Hauptstrom“) in Deutschland gibt, dann den, dass jeder seine Meinung zu allem sagen darf.  Jeder darf die Politik kritisieren, jeder darf die Kirche kritisieren, jeder darf die Medien kritisieren. Im Volksfreund: Jeder, der zu seiner Meinung steht. Also nicht anonym. Ein ehernes Gebot, die Redaktion informiert Herrn H. A. aus Bayern. Prompt kommt die Antwort: „Ich habe nichts anderes erwartet, da meine Meinung sich nicht mit dem Mainstream deckt. Ich bin leider gewohnt, dass ,kritisierte Kreise‘ sich  zu wehren wissen. Nun denn, ich denke mir so einiges über die ,Berichterstattung‘ Ihrer so ,wunderbar überparteilichen‘ Zeitung.“

Psychologen sagen: Wir sind so strukturiert, dass wir in jedes Ereignis das hineinlesen, was wir immer schon für richtig gehalten haben. Siehste, ich hab‘s gewusst: Denen passt meine Meinung nicht, weil sie nicht Mainstream ist, deshalb drucken sie meinen Leserbrief nicht ab. Nein, nein und nein, Herr H. A. aus Bayern!

Meinung von Lesern nicht gleich Meinung von Redakteuren? Na und, findet sich im Volksfreund tausendfach! Je kontroverser, desto besser – das macht’s doch spannend! Und was immer Sie unter Mainstream verstehen: Nichts ist tabu.

Der einzige Grund, warum Ihre Leserbriefe nicht veröffentlicht werden: Weil Sie Ihren Namen nicht preisgeben wollen. Schade.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Der Anfang von allem

Reich, schön, und berühmt – das ist der Stoff, aus dem die Träume sind, der Stoff für süffige Geschichten, der Stoff für Klatsch und Tratsch. Seit Anbeginn der Zeiten.

Nichts interessiert den Menschen so sehr wie der Mensch. Was der nette Nachbar treibt, ist und bleibt privat. Öffentlich verhandelt werden von alters her die Heldentaten der Reichen, Schönen und Berühmten, ihr Leben, ihr Sterben. Die Irrungen und Wirrungen, die Höhenflüge und Abstürze, die Eskapaden und Skandale. Geld. Macht. Sex.

Das Publikum erschauert und ergötzt sich in klammheimlicher Freude. Die einen leiden mit, die anderen lästern: Sieh an, die hochwohlgeborenen Royals plagen sich im Alltag mit genau denselben Ränkespielen wie Frieda Krabautzke aus der dritten Etage!

Igitt, ich höre den Aufschrei einiger Leserinnen und Leser, bitte nicht im Volksfreund – das ist unzumutbar, unseriös, unmöglich. Hmm.

In Südafrika heiratet die Politikerin Julia Klöckner ihren Liebsten und lässt hübsch inszenierte Bilder vom Fest verbreiten. Der Volksfreund berichtet.

In Japan besteigt Kaiser Naruhito den Chrysanthementhron und ruft  das Reiwa-Zeitalter aus – es soll harmonisch, gut und friedlich sein. Der Volksfreund berichtet.

In Luxemburg stirbt der alte Grand Duc Jean, und der Adel aus ganz Europa reist zur Beisetzung an. Der Volksfreund berichtet.

Nachrichten aus der Abteilung Klatsch und Tratsch. Die einen mögen sie, die anderen mögen sie nicht. Aber wir brauchen sie, erstaunlich genug, alle. Wie kommt’s?

Rückblende, vor siebzigtausend Jahren: Der Homo sapiens ist ein Herdentier und die Kooperation in der Gruppe entscheidend für das Überleben und die Fortpflanzung, sagt der bestsellernde Universalhistoriker Yuval Noah Harari. Dazu reicht es nicht aus, zu wissen, wo sich Löwen und Büffel aufhalten. Es ist viel wichtiger zu wissen, wer in der Gruppe wen nicht leiden kann, wer mit wem schläft, wer ehrlich ist und wer andere beklaut.

Mit Hilfe von verlässlichen Informationen über zuverlässige Mitmenschen konnten die Sapiens ihre Gruppen stark erweitern, enger miteinander zusammenarbeiten und komplexere Formen der Zusammenarbeit entwickeln, bis hin zu modernen Staaten.

Seit grauer Vorzeit hat sich nichts geändert: Klatsch und Tratsch – der Anfang von allem. Verblüffend.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Habt Mut, ihr feigen Faulpelze …

Verschwörungstheorien, der blanke Irrsinn. Warum bloß fallen immer mehr Leute darauf herein?!

Boah! Unfassbar! Unglaublich! Es gibt Meldungen, die hauen mich aus den Pantinen (und das ist gar nicht so einfach!).

Normal ist leichter Schwachsinn. Diese Erkenntnis eines Psychi­aters haben wir neulich durchgenommen (siehe „Der ganz normale Wahnsinn“, TV vom 6./7. April). Beispiele dafür, dass es mit der Intelligenz vieler Erdlinge nicht weit her ist, finden sich zuhauf. Da wären die Narreteien der großen Chefs, ob sie nun Trump, Kim, Putin oder sonst wie heißen, da wären die Narreteien von Hinz und Kunz, die uns im Alltag begegnen, etwa als depperte Autofahrer, die besoffen mit Vollgas durch die Spielstraße donnern.

Der Arzt, Theologe und Buchautor Manfred Lütz sagt: „Wenn man als Psychiater tagsüber mit psychisch kranken Menschen zu tun hat, rührenden Dementen, feinfühligen Süchtigen, dünnhäutigen Schizophrenen, empfindsamen Depressiven, hinreißenden Manikern, all den anderen farbigen Gestalten der Psychowelt, und man sieht dann abends die Nachrichten über blutrünstige Kriegshetzer, gewissenlose Wirtschaftskriminelle, rücksichtslose Egomanen, dann kann man auf die Idee kommen: Nicht die Verrückten, sondern die Normalen sind unser Problem!“ Tja …

Und nun das neueste Boah: Angeblich ist fast jeder zweite Deutsche (45,7 Prozent) davon überzeugt, dass geheime Organisationen existieren, die politische Entscheidungen beeinflussen. Jeder Dritte (32,7 Prozent) nimmt an, dass Politiker die Marionetten unbekannter Mächte sind. Und jeder Vierte (24,2 Prozent) sagt, Medien und Politik steckten unter einer Decke. Das hat die Friedrich-Ebert-Stiftung erfragt und verkündet. Hilfe, so viele da draußen halten Verschwörungstheorien für … wahr?!

Deutungsversuch: Es kracht an allen Ecken und Enden, nichts ist mehr, wie es war, und niemand hat einen Plan zur Rettung der Welt. Unerhörte Veränderungen, die verunsichern, verwirren, stressen. Krise! Viele Menschen meinen, dass die alten Autoritäten abgewirtschaftet haben. Sie sehnen sich nach neuen, unverbrauchten Erklärungen und Denksystemen. Oder basteln sie sich gleich selbst. Etwa so: Die Regierung betuppt uns, große Konzerne unterjochen uns, die Medienfuzzis sind eh „von oben“ gesteuert und vertuschen, was wirklich passiert. Schwuppdiwupp, fertig ist die Verschwörungstheorie.

Das Muster ist immer dasselbe. Die Pest im Mittelalter? Juden haben die Brunnen vergiftet. Feuersbrünste, Missernten, Kindstod? Hexen sind schuld, ab auf den Scheiterhaufen. Die Erde ist eine Scheibe, die Amerikaner waren nicht auf dem Mond, in einem Hangar der US-Air-Force haust ein Außerirdischer. Steht im Internet. Stimmt bestimmt.

Warum bloß bleiben die Menschen anscheinend auf ewig dumm und unmündig? Weil sie faul und feige sind! Hat der Aufklärer Immanuel Kant geschrieben, vor 235 Jahren. Gegen Vorurteile helfe nur eins: Sapere aude – habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Von Verschwörungstheorien aus dem Internet ahnte er nichts. Obwohl, wer weiß, was ihm die Aliens geflüstert haben …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Der ganz normale Wahnsinn

Alle haben Angst. Die Medien sind voll davon, die Zeitungen, das Internet. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Angst. Angst. Angst.

Die Jungen haben Angst, dass das Klima endgültig kippt. Die Alten haben Angst, dass die Rente nicht reicht. Die Reichen haben Angst, dass sie verarmen. Die Armen haben Angst, dass sie noch ärmer werden. Die Mittelschicht hat Angst vor dem Absturz. Der Mittelstand hat Angst, dass die Chinesen alles wegkaufen. Schlimm, schlimm. Und die Politik erst: Gibt es jemanden, der keine Angst hat, dass Trump den falschen Knopf drückt? Oder Kim? Oder Putin? Die einen haben Angst zu sterben, die anderen haben Angst zu leben. Manche haben Angst, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fällt.

Hmm. Was meinen Sie, wie oft ich die Volksfreund-Redaktion ermuntere und ermahne, positiv-konstruktiv an die Dinge heranzugehen, nicht immer schwarzzumalen (sondern auch mal bunt), nicht ein ums andere Mal das Negative aus Themen aller Art herauszupulen?!

Irgendwie steckt’s drin in unseren Genen, in unseren Steinzeit-Gehirnen. Wir wollen halt wissen, ob Gefahr droht – damit wir uns in Sicherheit bringen können. Lauert ein Säbelzahntiger hinter dem nächsten Busch? Angst! Weg! Ein uraltes Verhaltensmuster, überlebenswichtig.

Bloß: In der Jetztzeit, in der digitalisierten, total vernetzten, dauer­erregten Gesellschaft, nervt das Stakkato der schlechten Nachrichten: Angst erzeugt Angst, und geteilte Angst ist doppelte Angst („geteilt“– siehe Facebook – wörtlich zu verstehen!).

Und nun das: Wissenschaftler haben Angst, dass die Menschen immer dümmer werden. Der IQ entwickelt sich rückwärts (habe ich dieser Tage im Intelligenzblatt Die Zeit gelesen). Vor hundert Jahren prägte ein Psychiater den berühmten Satz: Normal ist leichter Schwachsinn. Seitdem ging es ein bisschen aufwärts, jüngsten Erkenntnissen zufolge wieder abwärts. Oh weh!

Höchste Zeit, dass die Roboter die Macht übernehmen, die werden immer schlauer. Hat etwa jemand Angst davor? Ach was …

Neulich sprach mich eine Dame im Supermarkt an. Wirklich nett. Wir unterhielten uns länger. Sie sagte, dass sie Angst habe, diese wunderbare Kolumne werde irgendwann nicht mehr erscheinen, sie lese sie doch so gerne.

Leute, ich war total gerührt, ehrlich! Und ich verspreche: keine Angst, es geht weiter – nach meiner vorösterlichen Urlaubspause.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Schnöde Mammuts, angezahlte Boxer

Tierisch-Satirisches, frisch aus dem Volksfreund: Die Umstellung der Zeit von Winter auf Sommer und umgekehrt alle halbe Jahre bereite vielen Menschen Probleme und bringe den Rhythmus der Tiere durcheinander, analysierte jüngst einer unserer Brüsseler Korrespondenten. Und weiter: Der Hinweis auf die Flora erscheine an den Haaren herbeigezogen.

Halt! Stopp! Da stimmt etwas nicht! Anna Peters, aufmerksame Leserin aus Bleialf, hat es gleich bemerkt und sich bei Reporter Fritz-Peter Linden in der Prümer Redaktion gemeldet. Der berichtet, Frau Peters habe mit sanftem Sarkasmus darauf hingewiesen, dass es sich bei allem, was kreucht, fleucht, summt, brummt, schnurrt, bellt oder röhrt, um die Fauna handelt. Und sie habe gefragt, ob „die Gänseblümchen“ (wir sind wieder bei der Flora) „jetzt auf die Uhr gucken müssen, bevor sie aufblühen“?

Tja, wieder so ein wunderlicher Klops im Blatt, den sich niemand erklären kann. Flora oder Fauna, Hauptsache lateinische Göttin. Aber das ist eine andere Geschichte. Hat mit der Fehleritis, die ab und an für Schnappatmung sorgt, nix zu tun.

Jo mei, liest denn beim Volksfreund niemand Korrektur, höre ich bisweilen. Oh doch,  Cheflektor Jörg Lehn und ein Trupp Schriftgelehrter sorgen dafür, dass möglichst wenig Fehler in die Zeitung gelangen. Tag für Tag werfen sie sich in die Schlacht und wehren heldenhaft die Angriffe der gemeinen Wechsstabenverbuchsler ab. Gäbe es Jörg  Lehn & Co. nicht, hätten Sie, liebe Leser, zum Beispiel unlängst erfahren, dass der Klimawandel eine Tatsche ist, dass um des schnöden Mammuts willen so mancher angezahlte Boxer in eine andere Gesichtsklasse wechselt,  dass ein schockblonder Rockgebell beinahe ins Krakenhaus verbracht wurde. Gute Weichnacht, liebe Stammäste, nicht nur in der Vulkanfeifel, auch in den Fugesen! Runter mit den Spendierhosen! Der Einritt ist frei!

Alles rausgefischt von Jörg Lehn und seinen Helfern. Und wenn doch einmal ein Fehler durchflutscht … freuen wir uns über sachdienliche Hinweise des verehrten Publikums. Etwa von Anna Peters, über die Fritz-Peter Linden sagt: „Sie bleibt dran, ich bleibe ihr Verehrer und leite ihre wahren und schönen Anmerkungen gerne weiter. Die Idee gefiel ihr, weil sie die Kolumne im Leserland köstlich findet. Und damit hat sie, natürlich, ebenfalls recht, wie mit allem anderen auch.“

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Das XY-Rätsel und die Todeslinie

„Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.“ (Murphys Gesetz)

Irre! Unglaublich! Solche Fehler! Immer dasselbe: Irgendwas läuft schief, irgendwer baut Mist, und keiner weiß warum, wieso, weshalb. Immer dasselbe: Irgendeiner muss es den Leuten erklären, das Unerklärliche. Also, pack ma’s:

Warum gab es am Dienstag keine Gewinnquoten im Volksfreund, fragt Norbert Brauner. Stattdessen: eine Liste von Xen und Ys, die sich liest wie das Ergebnis einer Analyse von Chromosomen unter dem konfokalen Laser-Scanning-Mikroskop. Mit diesen „Zahlen“, meint Herr Brauner, kann niemand auch nur auf den kleinsten Lottogewinn hoffen, so etwas darf doch nicht passieren!

Stimmt. Und passiert dennoch. Unter Stress. Aus Schusseligkeit. Leider, leider hat jemand nicht aufgepasst und in der Redaktion in Trier den Knopf gedrückt, bevor die Platzhalter (X, Y) von der Redaktion in Saarbrücken, die das produziert, ausgetauscht worden waren. Minuten vor der Deadline (Todeslinie), wie der letzte Termin für die Ablieferung der Zeitungsseiten an die Druckerei genannt wird. Entschuldigung!

Immer dasselbe: Der Mensch an sich ist fehlerhaft, und die Maschinen, auf die der Mensch sich verlässt, ebenfalls. Kommt mir bekannt vor. Habe ich sicher schon mal geschrieben. Weil es so ist: Niemand ist vollkommen, niemand ist unfehlbar. Kein Papst, kein Kaiser, kein Nobelpreisträger, nicht einmal der Autor dieser Zeilen …

Nächstes Thema, anonyme Post:  Och nö, „Doc Holliday“, auf Ihre Reichsbürger-Bambule habe ich jetzt echt keine Lust … und auf die Links-Rechts-Ausleger von Ihnen, „Maximilien de Robespierre“ (sind Sie nicht längst tot, Monsieur?), auch nicht.

Bloß weg, Flucht in die Philosophie: Schöne Worte sind nicht immer wahr, wahre Worte sind nicht immer schön. Hat ein großer Denker gesagt, dieser Chinese, wie heißt er gleich? Moment, war „Spruch des Tages“ neulich im Volksfreund. Mal nachschlagen, sein Name ist: Latose.

Äh, wie bitte? Latose? Soll wohl Lao-Tse heißen, vermutet Anna Peters aus Bleialf, eine eifrige Leserin, die sich öfters bei Reporter Fritz-Peter Linden in Prüm meldet. Der  geschätzte Kollege berichtet, er stehe stets stramm und höre brav zu, was Frau Peters erzählt, denn sie lese mit Mitte achtzig (merkt man nicht!) täglich treu – und vor allem ganz und genau – die Zeitung. Und entdecke dabei die dollsten Dinge. Wunderbar, gefällt mir! Fortsetzung folgt …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur