Es ist vorbei, wenn es vorbei ist

Typisch Mensch: Wir sind verdammt gut im kollektiven Weghören und Verdrängen von unangenehmen Tatsachen. Mal gespannt, wie wir mit dem Weltuntergang klarkommen …

Alarm! Alarm! Alarm! Kaum kratzt die Quecksilbersäule an der Vierzig-Grad-Marke, trötet einer dieser Wettermänner die fürchterliche Wahrheit  in die Welt: Das ist der Klima-Kollaps! Das ist die Hitze-Apokalypse! (Andere wählen, einen hal­ben Ton tiefer, Vokabeln wie gefährlich, mörderisch, katastrophal.) Oha, die Apokalypse! Zu Deutsch: Weltuntergang, Gottesgericht, das Ende der Geschichte! Die sieben Donner der Offenbarung und so. Das war’s, ich packe zusammen, ist ja eh vorbei, die Apokalypse ist da.

Mumpitz! Warum bloß hauen die Schreckensmelder und Panikapostel in ihren Orakeln und Prognosen auf den Pudding, als gäbe es kein Morgen? Warum übertreiben sie? Warum verbreiten sie Angst? Es geht um: Aufmerksamkeit. Wer am lautesten schreit, findet Gehör. Wer sich nicht Gehör verschafft, verschwindet von der Bildfläche. Sieben Milliarden Erdlinge im globalen Mediendorf gieren nach Stoff, nach Stimulation. Emotional, berührend, stets frische Ware. Vielfältig sind die Ablenkungen, Gewöhnung droht, gar Langeweile.

Klimawandel ist normal – seit mehr als vier Milliarden Jahren, als sich aus dem Dampf der brodelnden Ursuppe die Erdatmosphäre bildete. Meist war es wärmer als heute, immer wieder auch weitaus kälter. Mal rückten mächtige Eispanzer auf den Äquator zu, mal zogen sie sich auf die Pole zurück. Vor 750 Millionen Jahren fror der Planet fast völlig ein – und sauste als Schneeball durchs All.

Neu ist, dass diesmal wir Menschen mitmischen und die Abfälle der Industriegesellschaft in der Natur entsorgen, die Meere vermüllen, die Luft verpesten. Mit fatalen Folgen. Es wird wärmer, ob zwei oder fünf Grad, keiner weiß es genau. Das passiert rasend schnell. Das verändert alles. Zeit zu handeln! Mutter Erde ist es  schnuppe, ob der Homo Sapiens  überlebt oder nicht.

Was auffällt: Es braucht besondere Ereignisse (vierzig Grad), es braucht besondere Menschen (Greta Thunberg), die uns aufwecken (vielleicht sogar die Politik?!), bevor sich wieder Überdruss und Ermüdung breitmachen und die Themen sich verflüchtigen, irgendwo im Nirgendwo. Typischer Reflex: erst Hysterie, dann Verharmlosung. Das Waldsterben in den achtziger Jahren, der Atomknall in Tschernobyl, in Fukushima. Erinnert sich jemand? Wir sind verdammt gut darin, uns aufzuregen, uns Angst einjagen zu lassen, uns Untergangsfantasien hinzugeben und, weil alles immer so schlimmschlimmschlimm ist, zu verdrängen. Und wir sind verdammt gut im kollektiven Weghören. Wahrlich, ihr Apokalyptiker, ich sage euch: Es ist nicht vorbei. Es ist vorbei, wenn es vorbei ist, vorher nicht.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Des Dichters Witzverweser

Respekt, liebe Leser! Respekt und Dank! Sie gehören dazu. Sie sind drin. Sie sind die besten Leser, die diese Kolumne je gehabt hat, ach was: die besten Leser aller Zeiten, jetzt und in Ewigkeit!

Nanu, was ist mit dem los, fragen Sie sich, sonst isser doch nicht so. Alles gut, bloß diese Hitze, diese unfassbare, unglaubliche, ungeheure … ganz normale Sommerhitze.

Alle reden über das Wetter. Ich nicht. Weil mir aber auch sonst nichts einfällt, überlasse ich den Rest einem anderen. Einem Universalgelehrten, der sich mit warm und wärmer und kalt und kälter auskannte und nebenbei sprachkünstlerisch hervortat. Zu Ihrer Erbauung und Erheiterung hier die Hymne „Ein Leser“, gereimt von Karl Friedrich Schimper (1803 bis 1867), dem Begründer der Eiszeitlehre:

„Ein zankender, ein dankender, ein schwank hinan sich rankender, ein nackt vertrackt sich plackender, ein zwackender, zerhackender, nussknackender, einsackender, ein gähnender, ein tränender, Gedankenspäne spänender, ein säumender und träumender, ein aufgeräumt aufräumender, ein schäumender, sich bäumender, ein lauschend sich berauschender, ver- ein- und aus- sich tauschender, ein schaudernder, ein zaudernder, nachplaudernder, nachhaudernder, ein blätternder und kletternder, ein wetternder und schmetternder, ein scherzender und herzender, ein sich ein Licht aufkerzender, ein Schmerz bepillend stillender, ein schrillend sich bebrillender, das Schillernde betrillernder, entwickelnder, verzwickelnder, vorsitzender, stibitzender, ein schweifender und streifender, ein keifender und schleifender, ein reifend ein sich seifender, begreifender und pfeifender, ein meidender, ein neidender, abschneidender, entscheidender, ein heuchelnder, ein meuchelnder, ein scheuernder, dreinfeuernder, ein immer neu durchsteuernder, sich freuender, zerstreuender, ein lobender, erprobender, ein grob-verschroben tobender, ein stolpernder und polternder, ein ver- und über-hörender, zer- auf- und selbst sich störender, sich ein den Faden öhrender, ver- ab- und zu gleich schwörender, ein schlummernd sich vermummender, verstummender und summender, aus jeder Tonart brummender, verdammender, verdummender, ein runzelnder, ein schmunzelnder, ein schmutzender, ein putzender, zustutzender und stutzender, ein stützender, beschützender, besprützender, benützender, topfrüttelnder, kopfschüttelnder, mit Titelknütteln büttelnder – ein alternder, erkaltender, ein dialektisch spaltender, entfaltender, gestaltender, ein schaltender und waltender, erhaltend sich erhaltender – und kurz ein jeder Leser, als Leser ist der Leser des Dichters Witzverweser.“

Und Sie sagen, die Hitze ist anstrengend? Ha! Noch mehr Antworten auf Fragen, die niemand gestellt hat, gibt’s demnächst in diesem Theater.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Fast so kultig wie Bloomsday

Feiern, trinken, tanzen, singen, chillen, lesen … und für die „Dösköppe vom Lande“ (Tschuldigung, Zitat) ist auch etwas dabei.

Es ist ein wildes, ein verrücktes Fest. Die Menschen kaufen Zitronenseife, sie baden in der eiskalten See, sie essen in Butter gebratene Schweineniere zum Frühstück und später Gorgonzolabrot, sie trinken Burgunder, sie tanzen, sie singen, sie geben sich am Strand unanständigen Dingen hin. Und: Sie lesen. Es ist Bloomsday. Der 16. Juni in Dublin, der Tag, an dem „Ulysses“ spielt – der monumentale Roman, mit dem James Joyce vor einem Jahrhundert die Erzählkunst revolutioniert hat. Auf tausend Seiten beschreibt der irische Schriftsteller einen einzigen Tag im Leben von Leopold Bloom, den 16. Juni 1904. Literaturfans haben Bloomsday zum Feiertag ernannt, an dem sie, alle Jahre wieder, in Dublin Schabernack auf den Spuren der Romanfiguren treiben.

Wir feiern mit. Und weil Bloom bei einer Zeitung arbeitet … lesen Sie, was er in der Redaktion und in der Druckerei erlebt; der Stoff ist hundert Jahre alt – und wirkt taufrisch:

Wie ein großes Tagesorgan entsteht

„ […] Aber es sind die Anzeigen und Lokalnotizen, die ein Wochenblatt verkaufen, nicht die abgestandenen Nachrichten im offiziellen Teil. Queen Anne ist tot. Amtlich verkündet im Jahre eintausendund. […] Aus dem Reiche der Natur. Die Witzseite. Phil Blakes allwöchentliche Geschichte von Pat und Bull. Onkel Tobys Seite für unsere Kleinen. Und der Briefkasten für die Dösköppe vom Lande. Sehr geehrter Herr Redakteur, wissen Sie ein gutes Mittel gegen Blähungen? Den Teil würd ich sogar ganz gerne machen. Man lernt eine Menge, wenn man andere belehrt. Personalnachrichten A.I.B. Alles in Bildern. Wohlgestaltete Badende an goldenem Strand. Der größte Ballon der Welt. Schwestern feiern Doppelhochzeit. Zwei Bräutigame, einander herzlich anlachend. […] Die Maschinen rasselten im Dreivierteltakt. Stampf, Stampf, Stampf. Also wenn der da nun plötzlich gelähmt würde und keiner wüsste, wie man die Dinger stoppt, dann würden die immer so weiter rasseln, weiter drucken und immer weiter, vor und zurück, vor und zurück. Würden die ganze Geschichte total vermasseln. […]“

Falls Sie es am Wochenende nicht nach Dublin schaffen: Lesen Sie Joyce. Oder schauen Sie in Trier auf dem Domfreihof vorbei, beim Festival StadtLesen, schnappen Sie sich ein Buch, eine Hängematte, ein Sitzkissen, schmökern Sie – das ist fast so kultig wie Bloomsday.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Oh je, Clara Viebig ist sauer …

Post von Clara Viebig, Villa Dürich, Mittelwalde, Glatzer Land. Ende Mai 2019. Zwei eng bedruckte Seiten. So so …

Ihre Hand sei zittrig geworden, die Tochter einer Freundin habe es freundlicherweise übernommen, den Brief mit der Maschine zu schreiben. Sie melde sich nicht mehr so häufig zu Wort, aber es bleibe ihr keine andere Wahl. Zu Hans Pfitzner müsse sie etwas sagen. Die junge Volksfreund-Redakteurin mit den herabhängenden Haaren habe es geschafft, den Mann zu brandmarken und von der Bühne zu stoßen …

Um ihn geht es: Hans Pfitzner (1869-1949), Komponist, Dirigent und Autor, politisch rechts außen zu verorten, immer wieder aufgefallen mit antisemitischen Äußerungen – in der Kaiser-Zeit, in der Hitler-Zeit, nach dem Zweiten Weltkrieg. Verirrt, verwirrt, verstrickt? Der Trierer Konzertchor wollte zum 150. Geburtstag Pfitzners dessen romantische Kantate „Von deutscher Seele“ (1921) nach Gedichten von Joseph von Eichendorff aufführen. Protest! Kultur-Macher wie der Theaterintendant Manfred Langner sprachen sich dagegen aus, Stadt und Land verweigerten Zuschüsse – wegen der NS-Nähe Pfitzners. Die Berichterstattung im Volksfreund löste eine eifrig geführte Debatte aus, nach einigem Hin und Her wurde das für den Herbst geplante Konzert abgesagt.

Sehr zum Ärger von, ähem, Clara Viebig, die ihren Brief an die Chefredaktion diktierte. Die Würde Pfitzners sei in Schmutz und Schande gezogen worden, die junge Redakteurin habe gnadenlos auf ihm herumgetrampelt. Pamphlet! Kampagne! Schmähung! Und so weiter …

Erste Pointe: Clara Viebig (1860-1952) ist lange tot. Witzige Idee, der in Trier geborenen und in Berlin berühmt gewordenen Schriftstellerin („Das Weiberdorf“) eine Verteidigungsrede auf Pfitzner in den Mund zu legen.

Zweite Pointe: Der anonyme Absender und Viebig-Ghostwriter ist erkannt – oder stecken Sie nicht dahinter, Herr S. aus G.?!

Dritte Pointe: Einen kontaminierten Künstler wie Pfitzner glorifizieren? Nein. Seine Musik singen und spielen, eingebettet in ein Programm, das seine zweifelhafte gesellschaftspolitische Orientierung thematisiert und den historischen Kontext mitdenkt? Vorstellbar. 

Wo fängt sie an, wo hört sie auf, die Empörung, oder, wie der Historiker Michael Wolfssohn sagt, die  Tugendhysterie? Etwa wenn, wie gerade in Berlin, der expressionistische Maler Emil Nolde (1867-1956) ausgestellt und als Nazi-Fan demaskiert wird – obwohl selbst als „entartet“ verfemt? Etwa wenn Fußball gespielt wird – in Hitlers Olympia­stadion? Etwa wenn ein Gottesdienst gefeiert wird, im Trierer Dom, in der Basilika – errichtet von blutrünstigen römischen Imperatoren?

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Wat geiht meck dat an?!

Sieh an! Nach der Europa-Wahl sind  einige Politiker aufgewacht. Muss ja eine gewaltige Überraschung gewesen sein für MerkelNahlesAKKundwiesie­alleheißen: Da draußen im Land gibt es offenbar Menschen, die sich um die Zukunft sorgen. Na so was! Menschen, die wollen, dass endlich etwas unternommen wird gegen die Zerstörung der Erde. Un­erhört! Menschen, die sich abwenden von denen, die das Sagen haben und nichts tun. Jedenfalls nichts, was geeignet wäre, die Erwärmung des Planeten mitsamt der fatalen Konsequenzen für alle Erdlinge aufzuhalten. Sapperment!

Zum x-ten Mal: Der Klimawandel ist eine der größten Herausforderungen, mit denen unsere Spezies je konfrontiert war. Je! Warum braucht es immer so unheimlich lange, bis die Leute kapieren, dass sie dabei sind, sich und womöglich die ganze Welt zugrunde zu richten?

Die Sache mit dem Frieden: Es hat zwei Weltkriege gedauert, bis mehr als ein paar Pazifisten davon überzeugt waren, dass die Menschheit kurz davor ist, sich selbst auszurotten. (Und wir sind mit dem Thema längst nicht durch!)

Die Sache mit der Umwelt: Dass es böse enden wird, wenn wir die Natur ausbeuten und verwüsten, wissen wir seit einem halben Jahrhundert. Mindestens. Die Grenzen des Wachstums. Langsam, ganz langsam bewegt sich etwas. Puh!

Warum bloß sind wir so träge, so ignorant? Mal die Wissenschaft fragen. Die Aufgabenstellung ist für unsere Steinzeit-Gehirne wohl zu komplex, meinen Psychologen wie Daniel Gilbert von der Harvard-Universität. Weil wir darauf spezialisiert sind, über andere Menschen nachzudenken, nicht über Ereignisse. Weil wir trainiert sind, gegenwärtige Probleme zu lösen, nicht die der Zukunft. Wäre die globale Erwärmung eine Waffe, die ein fieser Diktator auf uns richtet, würde sie uns persönlich und unmittelbar und frontal attackieren – dann kämpften wir mit aller Macht dagegen an. Ist sie aber nicht, und so hielten (und halten) es viele mit Wilhelm Buschs kultigem Bauer Mecke, der das traurige Schicksal der Knaben Max und Moritz pupstrocken kommentiert: „Wat geiht meck dat an?!“

Unter uns: Das nächste dicke Ding ist längst im Anmarsch. Eine Revolution, genauso grundstürzend wie der Klimawandel: künstliche Intelligenz, superschlaue Maschinen, die viel cleverer sind als wir. Und es ist wie immer: Ein neues Zeitalter beginnt, und (fast) keiner merkt‘s. Alles verändert sich, und (fast) keiner will es wahrhaben. Die Welt, wie wir sie kennen, wird in einigen Dekaden eine ganz andere sein, und (fast) alle sagen: Was geht mich das an?! Hallo Erdlinge, aufwachen!

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Ubi dubium, ibi libertas

In der Zeitung steht nicht die Wahrheit. Menschen, die sich als „selbst denkend“ bezeichnen, haben das nachgewiesen. Sie schicken tagtäglich Briefe, die sie mit der Floskel einleiten, sie seien „selbst denkend“. Der Begriff kommt aus dem Fundus der Rechtspopulisten. Manche benutzen ihn bewusst, andere unbewusst. Es geht weiter mit Schlagworten wie „Lügenpresse“, bevor sich die „selbst denkenden“ Menschen mit der Wahrheit befassen. Der einzig wahren Wahrheit, die nicht in der Zeitung steht. Sondern im Internet. In den Tiefen des Netzes finden die „selbst denkenden“ Menschen die Wahrheit, an die sie glauben.

Der eine weiß ganz sicher, dass die Bundesregierung Sozialhilfe-Empfänger verhungern lässt.

Der andere deckt auf, dass es keinen Klimawandel gibt.

Der nächste hat erfahren, dass geheime Eliten an der „Umvolkung“ Deutschlands werkeln.

Der übernächste ist davon überzeugt, dass eine „von oben“ gesteuerte Verschwörung im Gange ist. Nach einem festgelegten System, einem „Denkschema“, werden in deutschen Städten „Kinder vom Rad geholt“ und entführt. Staatsanwälte und Richter trauen sich nicht ran. Sie fürchten das Elysium. Neue und alte Nazis mischen mit, die Stasi, der Europäische Fußballverband, die Medien sowieso. Warum wohl tragen mehrere Fernsehmoderatoren „das marmorierte Kreuz des Andreas“?

Wieder ein anderer berichtet, er sei bei einer Kontrolle seines Autos auf einem Parkplatz in Koblenz von zwei Schlägern des Ordnungsamts verprügelt worden. Bei dem brutalen Einsatz seien ihm die Augen verätzt worden – nach dem Vorbild von Hitlers SA und SS. Die Polizei habe weggeschaut, die Justiz nicht ermittelt. Und warum? Weil er Mitglied der Partei Alternative für Deutschland sei. Terror! Hetzjagd auf Andersdenkende! Befohlen von der Clique linksradikaler Politiker, die Rheinland-Pfalz regiert. Er habe auch beobachtet, wie die Schläger vom Ordnungsamt am Bahnhof Obdachlose misshandelten. Und mit massiver Gewalt vier Hundewelpen „verhafteten“ und töteten […] 

Ubi dubium, ibi libertas. Wo der Zweifel ist, da ist die Freiheit. Mein Rat an „selbst denkende“ Menschen: Schauen Sie sich die Quellen, aus denen Sie die wahre Wahrheit schöpfen, genauso kritisch an wie die etablierten Medien – und fallen Sie nicht auf Fake-News-Verbreiter und Verschwörungstheoretiker herein.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Hömma, hier is dä Jupp

Vor einem Vierteljahrhundert und mehr, in einer Welt ohne Internet, ohne Wikipedia, ohne Smartphone, kam es nicht selten vor: Wenn die Menschen etwas wissen wollten und kein Nachschlagewerk zur Hand war, riefen sie bei der Zeitung an. Gerne zu vorgerückter Stunde, gerne aus der Kneipe. „Hömma, hier is dä Jupp“, klang es zum Beispiel aus dem Telefonhörer. Im Hintergrund Gejohle. „In welcher Runde hat dä Schmeling damals dä Louis k.o. geschlagen?“ Ah, der erste Kampf der beiden legendären Schwergewichtsboxer, Juni 1936, New York … das war: die zwölfte Runde. „Siehste, Paul, hab’ ich doch gesagt“, dröhnte es aus dem Hörer. „Wette gewonnen, du zahlst die Zeche!“ Gejohle, aufgelegt.

So etwas fragt kaum noch einer; es lässt sich jederzeit und überall googeln. Jetzt ruft dä Jupp bei der Zeitung an, um darzulegen, was in diesem oder jenem Artikel nicht gestimmt hat. Oder schreibt eine Mail. Oder schimpft auf Facebook. „Hömma, ich hab irgendwo gelesen, dat dat so und so war und nit so, wie ihr geschrieben habt.“ Fehler passieren. Und werden korrigiert.

Schwierig wird’s, wenn dä Jupp alternative Fakten auftut, die er für echt hält, die sich aber nicht überprüfen lassen. „Hömma, dä Schmeling hat ja für dä Hitler unn dä Goebbels… bring dat mal in die Zeitung!“ Ach, Jupp …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Selbsterfüllende Prophezeiung

Es ist immer wieder faszinierend  zu beobachten, wie Vorurteile und Meinungen in die Welt gelangen, sich verfestigen, zu selbsterfüllenden Prophezeiungen entwickeln und – vielleicht – als Verschwörungstheorie verröcheln. Ein klitzekleines, in der Sache belangloses, aber typisches Beispiel:

Herr H. A. aus Bayern schreibt, er sei als ehemaliger Trierer dieser Tage in seiner Geburtsstadt gewesen: „Wie haste dir verändert!“ Viel Erfreuliches, aber auch so manches Abschreckende (Marx-Statue). Zu zwei Berichten im Volksfreund habe er Leserbriefe verfasst, die er der Redaktion nun zuleite.

Fein, der Blick von außen tut gut, ist oft erfrischend, eröffnet mitunter neue Perspektiven.

Erstes Thema: Verkehrslärm, verursacht durch Motorräder, warum  die Politik nichts dagegen unternimmt und die Kirche derlei „Terror“ auch noch segnet („so wie früher Panzer“). Zweites Thema: das Trierer Nordbad und die Kosten fürs Wärmen des Wassers nebst einiger Vorschläge, wer „nur mal das Gehirn einschalten“ sollte („sofern ausreichend vorhanden“), um das Problem zu lösen.

Okay, nicht besonders aufregend, wir bringen die Zuschriften im Lokalteil.

Halt! Herr H. A. aus Bayern hat fettgedruckt vermerkt: „Bitte nennen Sie meinen Namen nicht, es ist gefährlich geworden, in Deutschland seine Meinung kundzutun, wenn diese nicht dem Mainstream entspricht.“

Das finde ich merkwürdig. Wenn es einen Mainstream („Hauptstrom“) in Deutschland gibt, dann den, dass jeder seine Meinung zu allem sagen darf.  Jeder darf die Politik kritisieren, jeder darf die Kirche kritisieren, jeder darf die Medien kritisieren. Im Volksfreund: Jeder, der zu seiner Meinung steht. Also nicht anonym. Ein ehernes Gebot, die Redaktion informiert Herrn H. A. aus Bayern. Prompt kommt die Antwort: „Ich habe nichts anderes erwartet, da meine Meinung sich nicht mit dem Mainstream deckt. Ich bin leider gewohnt, dass ,kritisierte Kreise‘ sich  zu wehren wissen. Nun denn, ich denke mir so einiges über die ,Berichterstattung‘ Ihrer so ,wunderbar überparteilichen‘ Zeitung.“

Psychologen sagen: Wir sind so strukturiert, dass wir in jedes Ereignis das hineinlesen, was wir immer schon für richtig gehalten haben. Siehste, ich hab‘s gewusst: Denen passt meine Meinung nicht, weil sie nicht Mainstream ist, deshalb drucken sie meinen Leserbrief nicht ab. Nein, nein und nein, Herr H. A. aus Bayern!

Meinung von Lesern nicht gleich Meinung von Redakteuren? Na und, findet sich im Volksfreund tausendfach! Je kontroverser, desto besser – das macht’s doch spannend! Und was immer Sie unter Mainstream verstehen: Nichts ist tabu.

Der einzige Grund, warum Ihre Leserbriefe nicht veröffentlicht werden: Weil Sie Ihren Namen nicht preisgeben wollen. Schade.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Der Anfang von allem

Reich, schön, und berühmt – das ist der Stoff, aus dem die Träume sind, der Stoff für süffige Geschichten, der Stoff für Klatsch und Tratsch. Seit Anbeginn der Zeiten.

Nichts interessiert den Menschen so sehr wie der Mensch. Was der nette Nachbar treibt, ist und bleibt privat. Öffentlich verhandelt werden von alters her die Heldentaten der Reichen, Schönen und Berühmten, ihr Leben, ihr Sterben. Die Irrungen und Wirrungen, die Höhenflüge und Abstürze, die Eskapaden und Skandale. Geld. Macht. Sex.

Das Publikum erschauert und ergötzt sich in klammheimlicher Freude. Die einen leiden mit, die anderen lästern: Sieh an, die hochwohlgeborenen Royals plagen sich im Alltag mit genau denselben Ränkespielen wie Frieda Krabautzke aus der dritten Etage!

Igitt, ich höre den Aufschrei einiger Leserinnen und Leser, bitte nicht im Volksfreund – das ist unzumutbar, unseriös, unmöglich. Hmm.

In Südafrika heiratet die Politikerin Julia Klöckner ihren Liebsten und lässt hübsch inszenierte Bilder vom Fest verbreiten. Der Volksfreund berichtet.

In Japan besteigt Kaiser Naruhito den Chrysanthementhron und ruft  das Reiwa-Zeitalter aus – es soll harmonisch, gut und friedlich sein. Der Volksfreund berichtet.

In Luxemburg stirbt der alte Grand Duc Jean, und der Adel aus ganz Europa reist zur Beisetzung an. Der Volksfreund berichtet.

Nachrichten aus der Abteilung Klatsch und Tratsch. Die einen mögen sie, die anderen mögen sie nicht. Aber wir brauchen sie, erstaunlich genug, alle. Wie kommt’s?

Rückblende, vor siebzigtausend Jahren: Der Homo sapiens ist ein Herdentier und die Kooperation in der Gruppe entscheidend für das Überleben und die Fortpflanzung, sagt der bestsellernde Universalhistoriker Yuval Noah Harari. Dazu reicht es nicht aus, zu wissen, wo sich Löwen und Büffel aufhalten. Es ist viel wichtiger zu wissen, wer in der Gruppe wen nicht leiden kann, wer mit wem schläft, wer ehrlich ist und wer andere beklaut.

Mit Hilfe von verlässlichen Informationen über zuverlässige Mitmenschen konnten die Sapiens ihre Gruppen stark erweitern, enger miteinander zusammenarbeiten und komplexere Formen der Zusammenarbeit entwickeln, bis hin zu modernen Staaten.

Seit grauer Vorzeit hat sich nichts geändert: Klatsch und Tratsch – der Anfang von allem. Verblüffend.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Habt Mut, ihr feigen Faulpelze …

Verschwörungstheorien, der blanke Irrsinn. Warum bloß fallen immer mehr Leute darauf herein?!

Boah! Unfassbar! Unglaublich! Es gibt Meldungen, die hauen mich aus den Pantinen (und das ist gar nicht so einfach!).

Normal ist leichter Schwachsinn. Diese Erkenntnis eines Psychi­aters haben wir neulich durchgenommen (siehe „Der ganz normale Wahnsinn“, TV vom 6./7. April). Beispiele dafür, dass es mit der Intelligenz vieler Erdlinge nicht weit her ist, finden sich zuhauf. Da wären die Narreteien der großen Chefs, ob sie nun Trump, Kim, Putin oder sonst wie heißen, da wären die Narreteien von Hinz und Kunz, die uns im Alltag begegnen, etwa als depperte Autofahrer, die besoffen mit Vollgas durch die Spielstraße donnern.

Der Arzt, Theologe und Buchautor Manfred Lütz sagt: „Wenn man als Psychiater tagsüber mit psychisch kranken Menschen zu tun hat, rührenden Dementen, feinfühligen Süchtigen, dünnhäutigen Schizophrenen, empfindsamen Depressiven, hinreißenden Manikern, all den anderen farbigen Gestalten der Psychowelt, und man sieht dann abends die Nachrichten über blutrünstige Kriegshetzer, gewissenlose Wirtschaftskriminelle, rücksichtslose Egomanen, dann kann man auf die Idee kommen: Nicht die Verrückten, sondern die Normalen sind unser Problem!“ Tja …

Und nun das neueste Boah: Angeblich ist fast jeder zweite Deutsche (45,7 Prozent) davon überzeugt, dass geheime Organisationen existieren, die politische Entscheidungen beeinflussen. Jeder Dritte (32,7 Prozent) nimmt an, dass Politiker die Marionetten unbekannter Mächte sind. Und jeder Vierte (24,2 Prozent) sagt, Medien und Politik steckten unter einer Decke. Das hat die Friedrich-Ebert-Stiftung erfragt und verkündet. Hilfe, so viele da draußen halten Verschwörungstheorien für … wahr?!

Deutungsversuch: Es kracht an allen Ecken und Enden, nichts ist mehr, wie es war, und niemand hat einen Plan zur Rettung der Welt. Unerhörte Veränderungen, die verunsichern, verwirren, stressen. Krise! Viele Menschen meinen, dass die alten Autoritäten abgewirtschaftet haben. Sie sehnen sich nach neuen, unverbrauchten Erklärungen und Denksystemen. Oder basteln sie sich gleich selbst. Etwa so: Die Regierung betuppt uns, große Konzerne unterjochen uns, die Medienfuzzis sind eh „von oben“ gesteuert und vertuschen, was wirklich passiert. Schwuppdiwupp, fertig ist die Verschwörungstheorie.

Das Muster ist immer dasselbe. Die Pest im Mittelalter? Juden haben die Brunnen vergiftet. Feuersbrünste, Missernten, Kindstod? Hexen sind schuld, ab auf den Scheiterhaufen. Die Erde ist eine Scheibe, die Amerikaner waren nicht auf dem Mond, in einem Hangar der US-Air-Force haust ein Außerirdischer. Steht im Internet. Stimmt bestimmt.

Warum bloß bleiben die Menschen anscheinend auf ewig dumm und unmündig? Weil sie faul und feige sind! Hat der Aufklärer Immanuel Kant geschrieben, vor 235 Jahren. Gegen Vorurteile helfe nur eins: Sapere aude – habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Von Verschwörungstheorien aus dem Internet ahnte er nichts. Obwohl, wer weiß, was ihm die Aliens geflüstert haben …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur