Links ein Baum, rechts eine Bäumin

Im Urwald, neulich kurz nach fünf. Ich ging so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn. Außer Abenteuern, natürlich. Außer Erleuchtung, klar. Außer … ach, egal.

Was mir auffiel im Urwald, neulich kurz nach fünf: Es grünt so grün, allüberall, es sprießt und wuchert und rankt und schlingt sich, prächtig! Ganz anders als vorneulich und vorvorneulich. Alles verändert sich, altes Gewächs stirbt ab, neues erblüht.

Ja, ja, der Urwald der Sprache, voller Wunder, voller Rätsel, unheimlich schön, schön unheimlich. Wer nicht aufpasst, verirrt sich, holt sich Beulen. Beim Wechsstabenverbuchseln zum Beispiel. Oder beim Gendern: links ein Baum, rechts eine Bäumin … aua! Selbst die winzigsten Biester sind tückisch, etwa der Apostroph, auch Hinterstrich, Nachstrich, Oberstrich, Oberhäklein, Hochkomma, Auslassungszeichen genannt.

Ein solches Exemplar am falschen Platz hat Volksfreund-Leser Hans Weber aus Bitburg erschreckt:

Sehr geehrte Redaktion, keine Angst, ich werde Sie dafür rechtlich nicht zur Verantwortung ziehen und vor den Kadi zerren. Nein! Aber schmerzhaft war es trotzdem, denn er sprang mich an wie ein wildes Tier: der Apostroph – der Doofen-Apostroph! Er sprang mir sofort im Lokalteil für Bitburg und Umgebung ins Auge. Unter einem Foto unten rechts auf der ersten Seite stand der Satz: „Eine 96-Jährige bekommt ihre Impfung von Heidi Weber‘s Team.“

Die Funktion des Apostrophs ist die Kennzeichnung ausgelassener Buchstaben, die heute aber kaum mehr Beachtung findet und sich wie eine Seuche ausbreitet. Ein pensionierter Oberstudienrat, der Zeitungen nach Fehlerhaftem durchforstet, bin ich übrigens nicht, nur ein Handwerksmeister, der sich um den Erhalt der deutschen Sprache sorgt. Meinen Namen habe ich in vorauseilendem Gehorsam schon der neuen Schreibweise angepasst.

Mit freundlichen Grüßen

Han´s Weber

Ich fühle mit Ihnen, lieber Herr Weber, und freue mich, dass Sie den Lapsus mit Humor nehmen.

Der Apostroph weist auf fehlend’ Buchstab’n hin, er kann, muss aber nicht gesetzt werden, wenn das Pronomen „es“ zu „s“ verkürzt ist (wie geht’s oder wie gehts?), er markiert den Wes-Fall: Grass’ Blechtrommel, Marx’ Philosophie. Ansonsten: Genitiv bitte ohne Häkchen: Heidi Webers Team. Es sei denn, sagt der Duden, „zur Verdeutlichung der Grundform eines Personennamens“: Willi‘s Würstchenbude, Tanja’s Törtchen.

Was‘n Glück. Jetzt aber nichts wie raus aus dem Urwald …

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur