Und nur Idioten beschweren sich …

Nein, nein und nochmals nein. Ich höre Stimmen, die ich nicht ertrage. Stimmen von Menschen, die meinen, dass die Demokratie in der Corona-Krise „total versagt“, dass der Republik ein „starker Führer“ fehle, um die Pandemie zu besiegen, dass …

Leute, ich bekomme allergische Pusteln: ein bisschen Diktatur wagen? Niemals!

„Politik ist wie das Wetter: Sie findet statt, ganz egal, ob man zusieht oder nicht, und nur Idioten beschweren sich darüber.“ Dieser Satz aus einem Roman von Juli Zeh will mir nicht aus dem Kopf. Leere Herzen  (2017 veröffentlicht) spielt im Dunkeldeutschland der nahen Zukunft, nach Flüchtlingskrise, Brexit und Trump, nach der zweiten Finanzkrise und dem rasanten Aufstieg der Besorgte-Bürger-Bewegung, die nun an der Macht ist. Die Menschen sind müde, politikmüde, erschöpft, manipuliert. Und: „Die Wahrheit ist, dass seit Jahren niemand mehr weiß, was er denken soll.“

Das schlappe Corona-Krisenmanagement der Regierung Merkel: ein Grund, nach dem „Führerstaat“ zu rufen? Oder, denglisch verbrämt: mehr „Leadership“ zu fordern?

Ja, es ist mitunter Murks. Ja, es ist bisweilen zum Verzweifeln. Ja, es dauert eine gefühlte Ewigkeit, uns aus der Grütze herauszuholen.

Manche Entscheidung ist daneben, die Kommunikation oft miserabel, es hakt, es klemmt, es könnte besser laufen, viel besser. Niemand ist vollkommen. Die Demokratie ist halt, um ein Bonmot von Churchill aufzugreifen, „die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.“

Und die Menschheit hat etliches ausprobiert, seit Platon vor zweieinhalb Jahrtausenden die Politeia verfasst hat, das Ur-Konzept der politischen Philosophie. Diverse Spielarten von Monarchie und Demokratie, Ismen ohne Ende. Absolutismus, Imperialismus, Totalitarismus, Kommunismus, Nationalsozialismus …, in neuerer Zeit: Putinismus, Trumpismus, Merkelismus.

Die Demokratie lässt die Wahl: mitmachen oder meckern, zuschauen oder wegsehen.

Die Diktatur lässt keine Wahl: mitmachen – und wehe, es regt sich jemand darüber auf, so was mögen autoritäre Herrscher gar nicht.

Demokratie bedeutet: Freiheit.

Diktatur bedeutet: immerwährender Lockdown.

Ich bin so frei: Politik passiert, wie das Wetter, wir können zuschauen, aber wir müssen nicht – in der Demokratie hat jeder die Chance, sich einzubringen, sich einzumischen, sich zu engagieren. Auf geht’s!

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur