Kafkaeske Momente

Franz Kafka, einer wie keiner. Ich lese Franz Kafka, was sonst?! Weil – mir ist so komisch zumute, so blümerant, so … kafkaesk.

Ein Jahr Corona. Ein Jahr hin und her, auf und zu, hü und hott. Mal so, mal so. All die Gesetze und Verordnungen, die Gebote und Verbote, die Presse-Statements und Maßnahmen-Kataloge. Und dann doch wieder anders.

Puh! Ich lese lieber gleich das Original. Frank Kafka: Der Prozess. Einer der wichtigsten Romane der Moderne. Hundert Jahre alt, superaktuell.

Eine groteske, düstere Story. „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ So geht es los. Eine mysteriöse Behörde, die niemals irrt, greift in den Alltag des biederen Bank-Prokuristen Josef K. ein, nimmt ihn fest, den Grund erfährt er nicht, er bekommt keine Auskunft, es gibt keine Anklage, die Verhandlung ist eine Farce, er wird in einen Strudel unwirklicher Ereignisse hineingezogen, gefangen im Labyrinth der Bürokratie – und am Ende hingerichtet. Ohne zu wissen warum, schuldlos schuldig.

Kafkas Grundstimmung, in allen seinen Werken, nicht nur im Prozess: die Hilflosigkeit des Individuums im Ringen mit unheimlichen Mächten.

Jahrzehnte nach dem Tod des Autors (1883-1924) ist das Adjektiv „kafkaesk“ populär geworden. Es kennzeichnet seinen Stil, und es ist längst ein Synonym für das Gefühl der Ungewissheit, Angst, Unsicherheit, des Ausgeliefertseins und der Ausweglosigkeit, für die Ahnung einer Bedrohung, die sich nicht greifen lässt, für alptraumhafte, irrsinnige Situationen.

Die kafkaesken Momente in der  Corona-Zeit häufen sich. Gerade hat die Bundeskanzlerin um Verzeihung für ihr missratenes Krisen-Management gebeten. Wir wollten das Beste, aber es kam wie immer …

Was lernen wir? Dass es mühsam ist zu lernen. Äußerst mühsam. Versuch und Irrtum, immer wieder. Fehler sind menschlich, Fehler passieren, seit Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis genascht haben.

Wir hören nicht auf zu lernen, und das ist gut so. Denn die Corona-Pandemie, die uns in Atem hält und für Verdruss sorgt, ist bloß ein Trainingslager, das uns vorbereitet auf viel heftigere Herausforderungen, die auf uns einstürzen – zum Beispiel: der Klimawandel. Um den einigermaßen zu meistern, braucht es mehr als absurdes Polit-Theater.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur