Was es bedeutet, Mensch zu sein

Corona-Daten, tagein, tagaus. Zahlen, Zahlen, Zahlen. Für sich genommen: nichtssagend. Viel besser: anschaulich erzählen – das ist der Weg, um Menschen zu erreichen.

Tutanchamun. Ich wette, dass bei Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, jetzt das Kopfkino anläuft. Tutanchamun, der Name genügt. Film ab: Der Pharao. Die fabulöse Goldmaske. Ägypten. Die Pyramiden, der Nil. Prunk und Pracht. Die abenteuerliche Entdeckung der Grabkammer. Die Mumie. Die Mythen. All das.

Hätte ich eingangs geschrieben: Es geht um einen König der 18. Dynastie (Neues Reich), der von 1332 bis 1323 vor Christus in Ägypten regierte … wäre bei Ihnen wohl kein Kopfkino angelaufen, kein Film.

Zahlen sind abstrakt, Zahlen sind schwierig zu merken, Zahlen erzählen (meist) keine Geschichten. Wir erleben das gerade massiv. Inzidenzwerte und so, Corona-Daten, die tagein, tagaus auf uns einprasseln. Für sich genommen: nichtssagend.

Menschen interessieren sich für Menschen und ihre Geschichten. Wir erzählen uns Geschichten, seit die Altvorderen von den Bäumen herabgestiegen sind. Wir erschließen uns die Welt, indem wir von ihr erzählen, wir überliefern Wissen, Erfahrungen in Geschichten. Bildhaft und anschaulich erzählen: Das ist die beste Methode, der beste Weg, um Informationen zu teilen, darauf sind unsere Gehirne programmiert – und das hat unserer Spezies, sagt die Wissenschaft, in der Evolution einen Vorteil verschafft. Was wir denken, was wir fühlen, was wir träumen, es sind Geschichten. Geschichten über Leben und Sterben, Angst und Zuversicht, Sehnsucht, Freude, Mitleid, Liebe, Traurigkeit, Verzweiflung …

„Weil Geschichten den Ereignissen eine Bedeutung verleihen. Weil ohne Bedeutung alles sinnlos ist. Weil, wenn man der alltäglichen Beliebigkeit keine Geschichten abgewinnt, man die Hoffnung aufgeben muss, überhaupt je etwas zu begreifen“, schreibt der gefeierte niederländische Schriftsteller Ilja Leonard Pfeijffer in seinem Roman Grand Hotel Europa. Und weiter: „Müsste man Kultur definieren, dann könnte man sie als das kollektive Gedächtnis aller Geschichten bezeichnen. Geschichten, die definieren, wer wir sind und was es bedeutet, Mensch zu sein. An dem Tag, wo wir aufhören, uns Geschichten zu erzählen, zerbröselt alle Empathie, zerfällt der gemeinschaftliche Zusammenhalt, den wir Gesellschaft nennen, und sind wir nur noch Figuren einer postapokalyptischen Dystopie.“

Wunderbar erklärt.

Sie fragen sich, was Tutanchamun mit all dem zu tun hat? Nichts. Ich wollte bloß Ihre Neugier wecken, um das Thema dieser Kolumne anzureißen, und der Pharao kam mir als erster in den Sinn …

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur