Der Lügner und sein Schamane

Haben Sie den schrägen Typen gesehen? Den mit der Fellmütze und den Hörnern auf dem Kopf. Das Antlitz rot, weiß, blau bemalt. Der Oberkörper nackt, heftig tätowiert. Eine fette Metallkette um den Hals, in der linken Hand eine Lanze, von der eine US-Fahne baumelt, in der rechten Hand ein Megafon … mittenmang im Mob beim Sturm auf das Kapitol in Washington.

Sein Bild ging um die Welt, überall veröffentlicht, auch im Volksfreund.

Nun gut, einer dieser verirrten, verwirrten Trumpisten, aufgestachelt vom Bald-nicht-mehr-Präsidenten, was soll’s, solche Lümmel gibt es zuhauf. Traurig genug.

Jetzt ist er auch noch berühmt. Ein Medienstar. Der Kerl sei das Gesicht der Randalierer, habe ich irgendwo in der Weltpresse gelesen. Woanders, er wirke wie ein Vorbote der Hölle, als wäre er aus einem düsteren Computerspiel gefallen. Als Wikinger ist er tituliert worden, oder als Sioux-Krieger. Die Kommentatoren arbeiten sich an ihm ab. Der menschgewordene Zeitgeist? Eine Allegorie des zerplatzten amerikanischen Traums?

Er selbst bezeichnet sich als Q-Schamane. Und wird in der Verschwörungsszene gefeiert, in Netzwerken und Filterblasen. Seit Monaten taucht er auf Veranstaltungen in den Staaten auf, protestiert mal für Trump, mal gegen Schwarze, verzapft rechtsextremes Geschwurbel über Satanisten und … halt, stopp, warum fallen wir darauf herein?

Der Mann exhibitioniert sich, inszeniert sich, tanzt vor jeder Kamera, weil er weiß, wie er Aufmerksamkeit bekommt – und ein Publikum für den Wirrsinn, den er zu verbreiten hofft.

Eine Taktik, die der Bald-nicht-mehr-Präsident vorexerziert hat. Wieder und wieder.

Schleiche dich in den Medienzirkus, in die Manege, spiele den Zampano, ziehe deine Show ab – und sie werden dich groß herausbringen.

Trump und der Schamane: zwei krasse Beispiele für medialen Hype. Vorneweg der Lügner, Verleumder und Hetzer, moralisch verkommen. Hintendran das Gefolge, die Spinnerten, die Holocaust-Leugner, die Krawallos, verroht, verblödet.

Das Publikum ist offenbar heiß auf Geschichten über verquere Freaks  und verquaste Weltanschauungen. US-Medien wie die New York Times und CNN haben ihre Auflagen und Quoten gesteigert, sie bejubeln den „Trump Bump“. Und fürchten, so heißt es, den „Biden Dip“ – einen seriösen Präsidenten, der seriöse Politik macht. Wie langweilig, schlecht fürs Geschäft.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur