Noch, noch, noch – und nöcher!

Das Virus verändert alles, auch die Sprache – Corona ist ein Superspreader unter den Wörtern.

Reproduktionszahl. R-Wert. Inzidenz. Covid-19. Aerosole. Sars-Cov-2. Antikörper. RKI. Zoonose. PCR-Test …

Corona hat sich wie ein Virus im Wortschatz ausgebreitet.

Infektionskette. Virologen. Exponentielles Wachstum. Verdopplungszeit. Sterberate. Übersterblichkeit. Herdenimmunität. Durchseuchung. Triage. Vulnerabilität. Falsch negativ. Falsch positiv …

Corona ist ein Superspreader unter den Wörtern.

Lockdown. Shutdown. Wellenbrecher. Contact Tracing. Social Distancing. AHA (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske). FFP-Maske. Mindestabstand. Begrüßungsrituale. Systemrelevant. Quarantänisiert …

Corona diktiert den Alltag, das Denken, die Sprache.

Corona-Ausbruch. Corona-Krise. Corona-Fälle. Corona-Regeln. Corona-Tote. Corona-Impfstoff. Corona-Bonus. Corona-Wahnsinn. Corona-Leugner. Aluhüte. Covidioten …

Das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache hat etwa tausend neue Wörter und Wortverbindungen zu Corona gesammelt.

Das Wort des Jahres ist: Corona-Pandemie.

Wenn so ein mysteriöses Ding wie dieses Virus auftaucht, das die ganze Menschheit bedroht, melden sich die Urinstinkte. Weglaufen? Es holt dich ein. Verdrängen? Du entkommst ihm nicht. Bekämpfen? Das dauert, dazu brauchst du einen Plan, eine Strategie. Die erste Reaktion jedoch: das mysteriöse Ding benennen, Begriffe finden, erfinden, um es zu begreifen, zu bannen.

Tausend Wörter also umfasst das Corona-Universum inzwischen. Tausend Wörter, die wir ständig hören und lesen. Was macht das mit uns? Sprache wirkt subtil auf die Psyche. Ein Beispiel: noch. Das winzige, uralte, an sich virusfreie Wort ploppt im Corona-Kontext wieder und wieder auf. In Nachrichten, in Zitaten, in Kommentaren. Noch ist alles nicht so schlimm wie befürchtet, sagt jemand. Noch sind die Krankenhäuser nicht überlastet, sagt ein anderer. Noch gibt es genug freie Intensivbetten, sagt der nächste. Noch, noch, noch – das signalisiert: jetzt, im Moment, ist es okay, aber bald (morgen, in zwei Wochen, in einem halben Jahr) nicht mehr. Bei manchem Hörer und Leser verfestigt sich das Gefühl: Oh weh, das wird böse enden. Wird es? Das hängt von uns allen ab.

Ich bin überzeugt und wiederhole es, noch und nöcher: Wir werden uns aus der Grütze herausarbeiten.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur