Ach, du lieber Zeitgeist …

Neulich habe ich ein Wort gesucht. Nicht, dass ich es vermisst oder dringend gebraucht hätte. Nein, ich habe in der Zeitung gelesen, dass dieses Wort (wieder) im Duden vorkommt, und das hat mich neugierig gemacht.

Es ist ein böses Wort, ideologisch vergiftet, von Linken und von Rechten als politischer Kampfbegriff verwendet, besonders von Hitlers Propaganda. Während der Nazi-Diktatur stand es im Duden, danach verschwand es, flugs im Osten, mit Verzögerung im Westen. Jetzt also habe ich gelesen, dass es wieder drin sei – in der 28. Auflage des Lieblingswörterbuchs der Deutschen, die seit gut vier Wochen auf dem Markt ist.

Nur: Ich finde es nicht, das böse Wort: Volksverräter (abwertend für: jemand, der das eigene Volk hintergeht, betrügt). Es müsste zwischen Volksvermögen und Volksvertreter auf Seite 1219 gelistet sein. Ist es aber nicht. Erst ganz hinten, auf der Innenseite des Buchdeckels, ploppt es auf, als „Unwort des Jahres 2016“: Volksverräter. In der Flüchtlings-Debatte, nach Merkels „Wir schaffen das!“, hatten rechte Krakeeler das böse Wort ausgebuddelt – auf der Müllhalde des Nazi-Sprechs. 

Merkwürdig: Schon vor drei Jahren, als die 27. Duden-Auflage herauskam, war der Volksverräter vom Verlag als Rückkehrer angekündigt worden, fehlte jedoch, warum auch immer. Dagegen ist ein anderer Wiedergänger seitdem dabei: Lügenpresse, das „Unwort des Jahres 2014“. Hmm.

Die Sprache verrät viel über den Zustand der Gesellschaft, der Kultur, der Politik. Der Wortschatz verändert sich, weil die Welt sich verändert, weil wir nicht genug Vokabeln haben, um all das auszudrücken, was wir denken-sehen-hören-fühlen-schmecken-riechen-träumen, weil wir ständig frische Wörter benötigen, um Dinge zu benennen, die es bislang nicht gab. Alles fließt. Die Frage: wohin?

Der aktuelle Duden ist „3000 Wörter stärker“ als zuvor (Werbespruch des Verlags), liegt bei 148 000 Einträgen. Wäre der Zeitgeist ein Mensch, zusammengesetzt aus hippen Neologismen, sähe er vielleicht so aus: Wildpinkler mit Männerdutt im Wohlfühlmodus, bienenfreundlich und pansexuell, stärkt sich mit Craftbeer, Matchatee und Bartöl für Achtsamkeitsübungen und Gänsehautmomente, hängt in der Shishabar ab, grübelt über Klimanotstand und Insektensterben, kauft im Unverpacktladen ein, ist Influencer und verbringt seine Tage mit hypen, ixen, batteln, doodeln, leaken, spoilern

Was für ein Typ! Zwinkersmiley.

P.S.: In der Online-Version des Dudens habe ich den Volksverräter entdeckt und die Volksverräterin gleich mit – gendergerecht, versteht sich.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur