Wanderer, kommst du nach …

Ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn. Aber dann …

Mächtig recken sich die Baumriesen gen Himmel. Fünfzig Meter hoch, mindestens. Wow! Ich halte inne, blinzle in die Wipfel, staune. Wow, wow, wow!

Wanderer, kommst du nach … Naurath im Hochwald, begib dich auf die Fünf-Täler-Tour. Ein Traum, diese Schleife. Der Weg ist das Ziel. Du streifst durch schattige Buchenhaine, schlenderst an murmelnden Bächen entlang, und nachdem du in den Fledermaus-Stollen gelunzelt hast, stehst du plötzlich vor den Baumriesen. Eine Tafel am Wegesrand erläutert: Es handelt sich um Douglasien (Pseudotsuga taxifolia) aus dem westlichen Nordamerika, Oregon Pine, eine raschwüchsige Nadelholzart. Der Volksmund nennt sie: „Die zwölf Apostel“.

Oha! Sofort läuft das Kopf-Kino an. „Die zwölf Apostel“, klingt geheimnisvoll. Wer hat sich das ausgedacht? Wie ist der Name entstanden? Was ist das für eine Geschichte? Und warum zwölf, ich zähle vierzehn? Auf der Tafel ist zu lesen, ursprünglich seien es fünfzehn gewesen, der Orkan Wiebke habe einen der Giganten gefällt, den „Judas“ …

Was ich sagen will: Es sind bloß Bäume, soundso groß, soundso viele, soundso alt. Fakten und Daten. Dass sie „Die zwölf Apostel“ heißen, macht eine Geschichte daraus.

Es ist ein uralter Trick: Sag den Satz „Pass auf, ich erzähl dir eine Geschichte“ – und du hast die Aufmerksamkeit der Menschen. Wir lieben Geschichten. Wir wollen wissen, wie die Dinge beginnen, sich entwickeln, enden, wir streben danach, sie zu erklären, wir laden sie auf mit Sinn und Bedeutung.

Der Reporter Juan Moreno schreibt in seinem Buch Tausend Zeilen Lüge: „Wir werden täglich mit Geschichten bombardiert: Filme, Serien, Artikel, Werbebotschaften, Plakate, sogar der Nachbar gibt nicht einfach eine Info weiter. Er erzählt uns eine Geschichte. Wir sind süchtig danach. Heute hat jeder Markenturnschuh, jeder Manufaktum-Kochlöffel, jede Unterhose ein verkaufsförderndes Narrativ, eine Geschichte.“ Äußerst wirksam! Das haben zwei amerikanische Journalisten in einem Experiment nachgewiesen. Sie kauften, schreibt Moreno, einhundert Gegenstände auf eBay. Kleinkram wie Flaschenöffner und Porzellanfiguren. Sie gaben 128,74 Dollar aus. Dann baten sie Autoren, zu jedem Gegenstand eine gut geschriebene Geschichte zu verfassen und stellten dieselben Objekte samt neuem Narrativ erneut bei eBay ein. Sie erlösten 3612,51 Dollar …

So ist das. Ich denke über solche Sachen nach, wenn ich durch die Gegend wandere und den „zwölf Aposteln“ begegne. Oder, zum Beispiel, den „drei Mördern“ – aber das ist eine andere Geschichte.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur