Denn sie wissen nicht, was sie tun

Wo der Zweifel ist, da ist die Freiheit. Seid kritisch, sagt eure Meinung – und passt auf, mit wem ihr euch einlasst. 

Upps. Es ist so weit. Das deutsche Volk hat sich erhoben, schreibt mir einer, und es ist dabei, „wie Dornröschen wach geküsst zu werden – ja, sich selber wach zu küssen, indem es die Lügen, die schamlosen Lügen seiner Bevormunder und Freiheitsrauber erkennt, und, was ganz wichtig ist: die Lügner und ihre Lügen offen und ohne Scheu beim Namen nennt.“

Er sei, schreibt er, „mit einer Million nach Freiheit dürstender Knechte“ durch Berlin gezogen und habe es gespürt: Immer mehr Unterdrückte, Entrechtete und Verfolgte hätten „die Schnauze gestrichen voll“ von den „schamlosen Lügen des europaweiten, globalen Systems einer Einheits-Welt-Diktatur über symbolisch sichtbar unterstrichen per Maulkorbmaske entmündigte und ihrer Mimik entseelte, durch eingeimpfte Angst ihres Denkens beraubte Roboter-Sklaven.“

Okay. Wieder so ein Verschwörungsschwurbler, der meint, die Corona-Pandemie sei „die Umsetzung einer Agenda, um die Menschen weltweit und endgültig ihrer Freiheit zu berauben.“ Wieder so ein Provokateur, der meint, Journalisten seien „Auftragsfälscher“, „Wirklichkeitsverdreher“ und „Volksverdummer“, gleichgeschaltet und gesteuert von der Regierung. Wieder so ein Radikalinski, der meint, … Moment mal, hoppla, es handelt sich um einen verurteilten Volksverhetzer und Holocaust-Leugner, wie die Recherche seiner Vorgeschichte zeigt.

Warum ich Passagen aus der Hetzschrift veröffentliche? Um transparent zu machen, was da im Gange ist. Vielleicht kapiert es der eine oder andere Mitläufer.

Neiiiin, mit Nazis haben sie nichts zu tun, sagen die Corona-Protestler. Sie marschieren bloß Seit an Seit mit ihnen in Berlin, am „Tag der Freiheit“ (das Motto der Demo ist, komischer Zufall, der Titel eines Propaganda-Films von Leni Riefenstahl über den Parteitag der NSDAP 1935).

Yoga-Lehrerinnen neben Reichsbürgern, die schwarz-weiß-rote Fahnen schwenken. Impfgegner mit Aluhüten neben Friedensbewegten, die Gandhi auf einem Plakat vor sich her tragen, und Linken, die nach Che Guevara rufen. Skeptiker und Verunsicherte neben Rechten, die „Lügenpresse“ schreien.

Neiiiin, mit Nazis haben sie nichts zu tun, sagen Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die auf Hygiene-Regeln pfeifen und nicht merken, dass sie Verschwörungsschwurblern und politischen Wirrköpfen auf den Leim gehen.

 „Lügenpresse“, „Tag der Freiheit“ – wer wie ein Nazi spricht, setzt sich dem Verdacht aus, ein Nazi zu sein. Wer mit Nazis marschiert, setzt sich dem Verdacht aus, ein Nazi zu sein. Naiv? Ignorant? Anscheinend. Denn sie wissen nicht, was sie tun.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur