Die schönen Tage von Neapel

Lesen macht schlau. Wer liest, weiß mehr. Wer liest, hat mehr Fantasie. Wer liest, ist kritischer. Der Mensch ist süchtig nach (guten) Geschichten. Also los:

Io und si, si und io – zwei klitzekleine italienische Wörter nur kennt der Segeltuchflicker Andreas, als er vor hundertfünfzig Jahren in Neapel landet, doch weil er auf alle Fragen intuitiv richtig mit io (ich) oder si (ja) antwortet, ernennen sie ihn zum König.

So geht eine Geschichte von James Krüss aus dem wunderbaren Kinderbuch Mein Urgroßvater und ich (erschienen 1959). Die Neapel-Episode, die Wipp-Wapp-Häuser, die Gedichte über die kluge Frau Januzis, den Zauberer Kori-Kora-Korinthe, die Maus Kathrein oder das Königreich von Nirgendwo – alles dreht sich um das Abenteuer Sprache.

Der Urgroßvater erzählt spannende Geschichten und drechselt verrückte Verse, der zehnjährige Urenkel hört zu, drechselt mit und hakt nach: „Meinst du, dass man mit zwei Wörtern durch die Welt kommen kann?“ Was der Urgroßvater antwortet, verrate ich nicht.

Zeitsprung. Bald, sehr bald schon, braucht niemand mehr eine Fremdsprache zu lernen, glauben Forscher. Englisch, Französisch, Chinesisch, Spanisch, Italienisch, Russisch – egal, wen wir wo treffen, wir palavern in naher Zukunft mit Hilfe von künstlicher Intelligenz und Maschinen. Gut möglich, dass wir irgendein Ding im Ohr tragen, das in Echtzeit übersetzt, in jede und aus jeder Sprache. Wie der Babelfisch im Kultroman Per Anhalter durch die Galaxis von Douglas Adams.

Schluss mit dem Büffeln von Vokabeln? Die Maschine erledigt das.

Nie mehr lustvoll mit den Händlern auf dem Basar von Maskat oder Marrakesch um Tand und Trödel feilschen, mit Händen und Füßen und ein paar Brocken Arabisch? Die Maschine erledigt das.

Das Ende der babylonischen Sprachverwirrung, die – siehe Altes Testament – seit je Durcheinander und Unfrieden auf der Erde verursacht? Die Maschine … schön wär’s.

Wenn sich alle mit allen verständigen können, bedeutet das nicht, dass sich alle mit allen verstehen.

Es heißt, dass in der digitalen Welt nichts unmöglich ist. Zum Beispiel mit zwei Wörtern König werden? Mit nichts als einem Handtuch im Gepäck durchs Universum reisen? Nein, so etwas gibt’s nur in der Fantasie, in Erzählungen, die Menschen sich ausdenken, keine Maschinen. Erzählungen wie Mein Urgroßvater und ich oder Per Anhalter durch die Galaxis – ein Meisterwerk der Satire, irrlichternd zwischen Weltgeist und Zeitgeist, Wahnsinn und Wahrheit, Witzelsucht und Aberwitz.

Viel Spaß beim (Vor)lesen!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur