Denkmal? Denk mal!

O ja, lasst uns die Welt zu einem besseren Ort machen, höchste Zeit, ist bin dabei! Vielleicht klappt es diesmal, denn: tausendmal probiert, tausendmal ist nix passiert. So kommt es mir jedenfalls vor.

Mal sehen, was gerade angesagt ist. Greta Thunberg, Fridays for Future, die Rettung des Planeten … war da was? Lange nichts gehört. Aus den Medien, aus dem Sinn.

Neuerdings ist viel von dieser Bürgerrechtsbewegung in den Staaten die Rede. Black Lives Matter (abgekürzt BLM, übersetzt: Schwarze Leben zählen). Die Aktivisten prangern Gewalt gegen People of Color (so bezeichnen sie sich selbst) an und kämpfen gegen Rassismus.

Die Kunde vom Schicksal des Afroamerikaners George Floyd – erstickt im Würgegriff eines weißen Polizisten am 25. Mai in Minneapolis, die Proteste, die Wut, die Randale – drang schnell nach Europa. Aufschrei, Demos, Debatten über Rassismus auch hier, im Netz, auf der Straße, in den Parlamenten.

Wer etwas erreichen will, wer andere erreichen will, braucht Aufmerksamkeit, braucht Öffentlichkeit. In die Medien, in den Sinn. Und das geht so: Sachen machen, die sonst keiner macht. Direkte Aktionen mit Symbolkraft, spektakulär inszeniert, live übertragen ins globale Dorf. Zum Beispiel: Denkmäler stürzen. Das ist ungewöhnlich. Das verbreitet sich viral. Das fluppt.

Monumente, einst für Sklavenhändler, Ausbeuter, Unterdrücker errichtet? Weg damit. Was ist mit Entdeckern wie Christoph Kolumbus? Hmm. Was ist mit Politikern wie Winston Churchill, der als Kolonialminister die Überlegenheit der weißen Rasse feierte, bevor er die Welt vom Oberrassisten Hitler befreite? Was ist mit Philosophen wie Immanuel Kant (großer Aufklärer, hat aber auch üble Thesen zur menschlichen „Race“ verfasst) oder Karl Marx (antisemitische und rassistische Sprüche)?

Aus heutiger Sicht: politisch und moralisch nicht korrekt, widerlich. Also: vom Sockel stürzen, abgrundtief und absolut verachten … oder das Denken und Handeln dieser (und anderer) Berühmtheiten differenziert im Kontext ihrer Zeit und Sozialisation sehen, erklären, verstehen? Als Mahnung und Warnung? Wie werden die Menschen in hundert Jahren über uns urteilen? Wo anfangen, wo aufhören?

Die Trierer streiten seit je leidenschaftlich über Marx. Weg mit der Marx-Statue, dem Marx-Haus, der Marx-Straße? Andere Streich-Kandidaten, nach denen Straßen, Plätze, Brücken in Trier benamst sind: Konstantin – römischer Kaiser, Usurpator, Mörder. Wilhelm – deutscher Kaiser, Imperialist, Kriegstreiber. Hindenburg – verhalf Hitler 1933 zur Macht. Pacelli – schwieg als Papst Pius XII. zu Hitlers Verbrechen (Ironie am Rande: Die Straße, die seit 1957 Pacelli-Ufer heißt, war von 1934 bis 1945 dem Nazi-Schergen Horst Wessel gewidmet). Hanns Martin Schleyer – erst Karriere als SS-Hauptsturmführer, dann Karriere als Wirtschaftsmanager, 1977 von RAF-Terroristen entführt und umgebracht. Mohrenkopfstraße, Café Mohrenkopf, Auf Mohrbüsch …

Verzwickt, vertrackt. Es ist nicht einfach, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur