Die Möglichkeit einer Nachricht

Na, haben Sie schon einen Virus-Test gemacht? Ich ja. Im Internet. Bei Google. Suchbegriff Corona eingeben, Ergebnis ablesen, bingo: mehr als eine Milliarde Treffer!

Was die Leute so umtreibt: Symptome, Masken, Desinfektionsmittel, Hände waschen, Kurzarbeitergeld … Donald Trump, Bill Gates, Kim Kardashian. Mal informativ, mal idiotisch.

Den klügsten Kommentar zur Lage habe ich vom Philosophen Jürgen Habermas gehört: „So viel Wissen über unser Nichtwissen gab es noch nie.“ Yep! Ein Gutteil der Nachrichten, die uns umschwirren, sind gar keine. Jedenfalls keine, die von harten Fakten künden. Weil das, was berichtet wird, im Konjunktiv steht. Könnte, hätte, würde. Vielleicht. Eventuell. Es handelt sich oft um: die Möglichkeit einer Nachricht.

Das ist an sich nichts Neues. Wir wissen, dass wir nichts wissen, und das wissen wir seit der Antike, seit Sokrates und Platon. Nichts ist sicher, hinterfragt, was ihr wisst, und hinterfragt, was ihr nicht wisst!

Womit wir in der Gegenwart wären, in der Digitalgesellschaft, in der sich alle mit allen vernetzen und Wissen und Erkenntnis austauschen – oder das, was sie dafür halten.

Was für ein Gesumse und Gebrumme und Geschnatter! Corona? Schlimm, schlimm, schlimm. Jemand vermutet, warnt, fordert, spekuliert, behauptet, prophezeit, dass demnächst dieses oder jenes geschieht. Der Beweis: Zahlenmysterien, Kurven, Statistiken. Die einen vergleichen Äpfel und Birnen, die anderen Kirschen und Pflaumen. Und orakeln daraus die Zukunft. Es sind ja nicht nur die, die sich auskennen (zum Beispiel Virologen), oder die, die bestimmen (zum Beispiel Politiker), oder die, die sowieso immer alles besser wissen (zum Beispiel Journalisten). Nein, Millionen und Abermillionen Menschen wieseln umher, produzieren Vermutungen, Warnungen, Forderungen, Spekulationen, Behauptungen, Prophezeiungen, die sie in die Welt hinausposaunen.

Und, dient all das nun der Wahrheitsfindung? Mal einen anderen Philosophen befragen, Friedrich Nietzsche. Der sagte: „Niemand weiß, welche Nachricht von Bedeutung ist, bevor hundert Jahre vergangen sind.“

Okay, warten wir es ab – und blicken im Jahr 2120 zurück. Was von dem Gesumse und Gebrumme und Geschnatter in den Chroniken der Menschheit wohl überdauern wird? Corona? War da mal was?

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur