Der Mensch lebt nicht vom Brot allein

Alle wichtig, alle unverzichtbar: die Systemrelevanten, die Menschen, ohne die das Gemeinwesen, der Staat zusammenkrachen würde.

Die Politiker und die Verwalter (regieren, tüfteln Gesetze aus, sorgen dafür, dass sie eingehalten werden). Die Beschützer (Polizei, Feuerwehr, Militär). Die Ernährer und Grundversorger (Landwirte, Erntehelfer, Produzenten von Speis und Trank und Klopapier, Lebensmittelhändler, Verkäufer, Kassierer, Reinigungskräfte, Fahrer von Lastwagen, Bussen, Bahnen). Die Energieversorger (Wasser, Strom, Öl, Gas, Treibstoff). Die Gesundmacher (Ärzte, Pflegekräfte, Retter, Apotheker, Arzneihersteller). Die Betreuer, die Lehrer, die Forscher (Kitas, Heime, Schulen, Universitäten). Die Geldleute (Banken, Versicherer). Die Kümmerer (Arbeitsagentur, Jobcenter). Die Informierer, Kommunikatoren, Unterhalter (Massenmedien).

Viele andere mehr. Ganz unten auf der Liste und für die, die definieren, wer systemrelevant ist und wer nicht, anscheinend ohne Bedeutung: die Künstler.

Stimmt. Ein Gemälde kann man nicht essen. Einen Film kann man nicht trinken. Mit einem Roman kann man sich nicht den Hintern abwischen (na gut, theoretisch schon). Das System würde nicht von einem auf den anderen Tag zusammenkrachen, wenn es keine Maler, Schauspieler, Schriftsteller, keine Musiker, Tänzer, Kabarettisten mehr gäbe.

Aber nicht wichtig, nicht unverzichtbar? Was für eine krasse Fehleinschätzung!

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Künstler schaffen nie Gesehenes, Gehörtes, Gedachtes, sie schenken uns Ideen und Inspiration, Erkenntnis und Erleuchtung, Sinn und Sinnlichkeit, sie sagen uns, woher wir kommen, was wir sind, wohin wir gehen, sie verzaubern, sie berühren, sie befreien …

Wir erleben gerade, wie das Netz der totalen digitalen Überwachung sich über die Menschheit legt. Gesichtserkennung. Spracherkennung. Wer, was, wo, mit wem. Bewegungsprotokolle. Künstliche Intelligenz, die Gefühle analysiert und Gedanken liest.

All das haben geniale Künstler geahnt. Orwell: 1984. Huxley: Schöne neue Welt. Asimov: Robot Visions. Lem: Solaris. Oder die Wachowskis mit ihren Matrix-Filmen. „Milliarden Menschen leben einfach vor sich hin und haben keine Ahnung“, sagt  Agent Smith. „Die Zukunft gehört den Maschinen.“

Schau’n mer mal.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur