Schiefe Bilder, schräge Vergleiche

Eine glücklose Politikerin kündigt ihren Rücktritt an – und löst eine mediale Mobilmachung aus. Was ist da los?

Nicht zufällig, diese Metaphorik: Machtkämpfe. Himmelfahrtskommando. Scheingefechte. An vorderster Front. Grabenkämpfe. Systematisch sturmreif geschossen. Dem Feuer zu lange ausgesetzt. Selbstzerstörungsmodus. Sekundärexplosion. Quälender Rück­zug. Todesstoß versetzt.

Bilder aus dem Krieg. Sprachbilder, die signalisieren: Es geht um Sein oder Nichtsein, um existenzielle Fragen, um eine schreckliche Tragödie. Oder etwa nicht?

Ich habe die martialischen Metaphern dieser Tage in Berichten und Kommentaren, in Analysen und Statements gelesen, gehört. Und einfach aneinandergereiht. Fertig ist die Mini-Biografie der glücklosen Politikerin Annegret Kramp-Karrenbauer, kurz AKK. Von ihr und ihrem angekündigten Rücktritt als Parteivorsitzende der Christlich Demokratischen Union Deutschlands ist die Rede in den Berichten und Kommentaren, in den Analysen und Statements: Verloren. Gestürzt. Zu Fall gebracht. Demontiert. Aufgerieben. Zerrieben. Versenkt.

Sprache ist Macht. Sprache beeinflusst unser Denken, ganz subtil. Menschen manipulieren Menschen – mit Wörtern, mit Metaphern, die uns helfen, komplizierte Vorgänge und komplexe Sachverhalte zu verstehen und Unverständliches in Verständliches zu übersetzen, die zugleich einen Rahmen für die Deutung von Ereignissen vorgeben: wie wir sie bewerten, wie wir die Welt wahrnehmen, wie wir uns darin bewegen.

Bewusst oder unbewusst: Je dramatischer die Entwicklung, desto drastischer die Sprache, die Metaphorik, die wir verwenden, um die Lage zu beschreiben, einzuordnen. Der Abgang von AKK – für manche Beobachter anscheinend so schlimm wie Krieg.

Echt jetzt?! Lausche ich anderen Interpreten, handelt es sich bloß um ein Beben, das die Demokratie erschüttert; bloß um eine Partei in schwerer See, der Kurs unklar, weil ein Fels in der Brandung fehlt; bloß um die übliche Salamistrategie im Pokerspiel. Ziemlich schräg …

Immerhin, es klingt für das Publikum nicht so furchterregend wie die Wortwahl der, ähm, Kriegstagebuchschreiber. Was noch? Ach ja: Polit-Analysten, die sportliche Vergleiche heranziehen: Für AKK ist das Rennen gelaufen, AKK geht k.o., AKK wirft das Handtuch – halt, stopp! Eine schiefe Metapher! Nicht der angeschlagene Boxer wirft das Handtuch, sein Betreuer tut das; es ist das Zeichen für den Ringrichter: Brich ab, mein Kämpfer ist am Ende, wir wollen den Knockout verhindern!

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

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