Sozialer Klebstoff

Wer mit wem? Seit unsere Ahnen von den Bäumen herabgestiegen sind, gibt es Klatsch und Tratsch.

Oh là là! Die Liebe! Kate und William, Meghan und Harry, die Royals. Katarina und Marco, die Politikerin und der Sportler. Opa Hans und Oma Käthe, die diamantenen Hochzeiter. Sie alle erzählen uns in der Zeitung aus ihrem Leben. Leidenschaft und Lust, Glück und Unglück. Ach, wie herrlich das menschelt. Herzschmerzschluchz.

Geht gar nicht, sagen manche Leser. Was soll dieser Mist? Gequirlte Sch… Bitte keine Gefühle, nur Fakten. Um Klatsch und Tratsch sollen sich die Revolverblätter kümmern.

Tja, ob es uns gefällt oder nicht: Nichts interessiert den Menschen so sehr wie der Mensch. Daran hat sich nichts geändert, seit unsere Ahnen von den Bäumen herabgestiegen sind. Überleben konnte nur, wer das Sozialgeschehen in der Horde verstand: Wer ist wichtig? Wer paart sich mit wem? Wer ist mit wem verbündet, wer zerstritten? Die Anthropologen sagen: Erst gab es das wechselseitige Lausen, so bahnten die Altvorderen Freundschaften an, pflegten sie, führten sie vor. Als die Horden größer wurden und das Dasein komplexer, reichte die Pelzpflege nicht mehr. Homo sapiens entwickelte eine andere, eine fabelhafte Form der Kommunikation: Sprache.

Öffentlich verhandelt werden von alters her die Heldentaten der Reichen, Schönen und Berühmten. Die Irrungen und Wirrungen, die Höhenflüge und Abstürze, die Eskapaden und Skandale der erstbesten Gesellschaft. Geld. Macht. Sex. Das Publikum ergötzt sich in klammheimlicher Freude. Die einen leiden mit, die anderen lästern: Sieh an, die Hochwohlgeborenen plagen sich mit denselben Ränkespielen wie Frieda Krabautzke aus der dritten Etage!

Der Schriftsteller Truman Capote, ein Meister der Gesellschaftsreportage, sagte: „Was auf Gottes weiter Erde ist Anna Karenina oder Krieg und Frieden oder Madame Bovary, wenn nicht Klatsch?“ Inmitten all der deprimierenden Neuigkeiten aus dem Weltdorf, die Tag für Tag die Nachrichtenlage beherrschen, sorgen die Umtriebe der High Society für Ablenkung. Weil man sich schön darüber aufregen kann, weil man sich amüsiert, weil man sich wegträumt …

Der legendäre Münchner Gesellschaftsreporter Michael „Baby Schimmerlos“ Graeter beschrieb das Phänomen so: „Klatsch gibt es seit Adam und Eva – die Schlange und der Apfel. Klatsch ist mächtig – über das Gspusi zwischen Cäsar und Kleopatra spricht man noch heute. Wir brauchen den Klatsch. Er ist unser sozialer Klebstoff, so überlebenswichtig wie das Atmen.“

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

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