Heidewitzka, Herr Kapitän …

Es wird feierlich. Meine Damen und Herren, bitte erheben Sie sich für die Nationalhymne!

Die Frage der Woche: Süßes oder Saures? Hat nichts mit dem Halloween-Gewese zu tun. Ist bloß eine Entscheidungshilfe für mich. Was wird Thema, wie lege ich die  Kolumne an? Süßes = lecker, luftig, lustig. Saures = tiefgründig, trocken, tonnenschwer. Stoff genug gibt’s für beides. Ach, wissen Sie was: Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst, ich gebe Ihnen Süßes …

Im Anfang war das Wort. Und zwar: Trizonesien. Habe ich neulich erwähnt, ohne weitere Erklärung. Frau M. fragt: Was’n das’n?

Spurensuche: Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien – ein Karnevalsschlager, den Karl Berbuer 1948 fabriziert hat, ein Kölner Bäcker (Spitzname: „Et jecke Hefeteilchen“). Trizonesien ist die ironische Verballhornung der drei Westzonen im Nachkriegs-Deutschland.

Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien, / Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm! / Wir haben Mägdelein mit feurig wildem Wesien, / Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm! / Wir sind zwar keine Menschenfresser, doch wir küssen umso besser. / Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien, / Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm!

Witzig: Der Trizonesien-Song war eine Zeit lang die heimliche deutsche Nationalhymne (eine offizielle gab es nicht) und ist zum Beispiel bei Fußballspielen oder Radrennen intoniert worden. Bundeskanzler Konrad Adenauer sagte laut Protokoll am 19. April 1950 in einer Pressekonferenz: „Ich glaube, es war im vorigen Jahr, da war im Kölner Stadion eine sportliche Veranstaltung gegenüber Belgien. Es war auch manches belgische Militär in Uniform da vertreten, und schließlich wurden die Nationalhymnen angestimmt, und die Musikkapelle […] hat ohne besonderen Auftrag, als die deutsche Nationalhymne angestimmt werden sollte, das schöne Karnevalslied Ich bin ein Einwohner von Trizonesien angestimmt. Was ich Ihnen jetzt sage, ist vertraulich für Sie, das ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Da sind zahlreiche belgische Soldaten aufgestanden und haben salutiert, weil sie glaubten, das wäre die Nationalhymne.“

Weniger witzig: Das Liedchen ist vor und zurück analysiert worden. Einige entdeckten Kritik an den Alliierten und aufkeimenden Revanchismus. Andere witterten den Versuch, die Nazi-Zeit zu verdrängen und zu vergessen und sich selbst als Opfer und Gegängelte der „Siegermächte“ zu inszenieren. Wieder andere interpretierten, es sei ein Versuch, Auschwitz zu banalisieren und sich von der Schuld reinzuwaschen.

Süßer Abgesang: Bei einem Besuch in den USA wurde Adenauer mit einem anderen Schunkelkracher begrüßt: Heidewitzka, Herr Kapitän. Peinlich. Wenig später setzte der Kanzler die dritte Strophe des Deutschlandlieds als Hymne durch …

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

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