Babylon Berlin und andere Mythen

Es ist jetzt oft die Rede von den Goldenen Zwanzigern, jener kurzen Epoche nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und vor der Hitler-Diktatur, als die Menschen die Freiheit genossen, angeblich. Das Leben ein Fest, angeblich. Verrückte Jahre, angeblich. Ein Mythos. Wahr ist: Die Zwanziger waren für die wenigsten golden, sie waren für viele zwischen der Hyperinflation 1923 und dem Börsencrash 1929 so lala und für die Bohème in Metropolen wie Berlin, Paris oder New York vielleicht sexy. Die Goldenen Zwanziger: erst später so genannt, ein mediales Phänomen. Fällt der Begriff, läuft das Kopfkino an: Babylon Berlin, Charles­ton und Bubi-Kopf, Josephine Baker im Bananenrock …

So geht es uns ständig. Der Mythos verdrängt die Wirklichkeit, und wir lassen uns nur zu gern darauf ein.

Die Trümmerfrauen zum Beispiel. Angeblich bauten sie Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf. Ein Mythos. Wahr ist: Einige Zehntausend Frauen haben im Osten, vorwiegend in Berlin, geknechtet; die sowjetischen Besatzer zwangen sie dazu, der Lohn waren Lebensmittelkarten – eine Chance für die Mütter, Kalorien zu hamstern und ihre Kinder durchzubringen. Im Westen, in Trizonesien, räumten fast überall Baufirmen mit schwerem Gerät den Schutt weg. Die Trümmerfrauen: erst später so genannt, ein mediales Phänomen (populär in der Renten-Debatte der Kohl-Ära). Fällt der Begriff, läuft das Kopfkino an: Schwarz-Weiß-Bilder von ausgezehrten Gestalten in Ruinen, die Eimer  schleppen …

Oder: Das Wunder von Bern. Der Gewinn der Fußball-WM 1954, angeblich ein Impuls für das erwachende Selbstbewusstsein der jungen Bundesrepublik. Wir sind wieder wer. Ein Mythos. Wahr ist: Nach dem 3:2 im Wankdorfstadion sangen die Fans der Walter-Elf die erste Strophe der Nationalhymne („Deutschland, Deutschland über alles“), die Kicker wurden in der Heimat gefeiert – ein bisschen, die Euphorie hielt nicht lange an. Kanzler Adenauer hütete sich, in die Jubelei einzustimmen, verhandelte er doch gerade mit dem Ex-Feind Frankreich über eine europäische Armee; aufkeimender (Fußball-)Nationalismus hätte Misstrauen geweckt. Das Wunder von Bern: erst später so genannt, ein mediales Phänomen. Fällt der Begriff, läuft das Kopfkino an: Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen, Rahn schießt … Tor, Tor, Tor!

Wir haben eine klare Vorstellung davon, was passiert ist, was es zu bedeuten hat. Angeblich. Die Goldenen Zwanziger. Die Trümmerfrauen. Das Wunder von Bern. Bei jedem, der solche Begriffe liest, sieht oder hört, läuft das Kopfkino an. Wie das?

 Psychologie! Das Leben ist ein Chaos, wir schlagen uns mit Kleinkram herum, mit Nachrichten und Informationen, die irgendwo aus dem Nirgendwo herzukommen scheinen, aus dem Königreich zwischen Ironien und Lapidarien, gleich hinter den Bagatellen. Das allermeiste: belanglos, sinnlos. Wir wollen aber kein Chaos, wir wollen, dass das Leben einen Sinn hat. Deshalb ruckeln wir so lange an der Wirklichkeit herum, verdrehen und vereinfachen alles, was nicht hineinpassen will, bis wir uns eine Erzählung zurechtgelegt haben, die Sinn ergibt, die uns hilft, das Leben, die Welt zu erklären, zu verstehen. So entstehen Mythen, und für die großen Ereignisse Metaphern, die jeder kennt.

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

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