Die absolute Wahrheit

Also, ich meine, dass wir uns an der Frage gefühlt 595 Mal abgearbeitet haben; ich weiß, dass es in echt nicht so oft war; ich glaube, dass es noch häufiger vorkommen wird. Ich meine, ich weiß, ich glaube … ähm, um was geht es? Meinungsfreiheit, mal wieder.

Der Volksfreund lässt keine „abweichenden Meinungen“ zu, schreibt Herr S., sondern nur Mainstream. Bestes Beispiel: der Hype um den Klimawandel. Es sei an der Zeit, eine Gegenbewegung zu starten, die Manipulationen der grünen Klimajünger zu entlarven und so weiter, aber das werde im Volksfreund ja nicht veröffentlicht – obwohl die Fakten vorlägen, erstens, zweitens, drittens … siebzehntens.

Mein Mantra, lieber Herr S.: In dieser Zeitung darf jeder seine Meinung sagen, etwa in Leserbriefen. Je kontroverser, desto besser, das macht’s interessant. Aber, aber, aber: Meinung ist das eine, die Behauptung von Tatsachen das andere.

Wenn Sie sagen: Ich meine, dass es keinen Klimawandel gibt, ist das … Meinung. Das, was Sie für wahr halten. Meinung ist nicht richtig oder falsch, Meinung ist nicht zu widerlegen. Andere können eine andere Meinung haben, all das.

Wenn Sie sagen: Es gibt keinen Klimawandel, das haben die Wissenschaftler A, B, C und die Nobelpreisträger X, Y, Z nachgewiesen, ist das … Tatsachenbehauptung. Und muss einer Überprüfung standhalten. Um diese Überprüfung, um die Recherche der Fakten, kümmert sich die Redaktion.

Stimmen die Fakten, die der Leserbriefschreiber behauptet? Veröffentlichen. Stimmen die Fakten nicht, die der Leserbriefschreiber behauptet? Nicht veröffentlichen.

Das Internet liefert Beweise, Indizien, Belege, Theorien, Argumente für alles und jedes, hier:  „abweichende Meinungen“ und „alternative Fakten“ von angeblich Tausenden, wenn nicht Zehntausenden bedeutenden Wissenschaftlern, die allesamt den Klimawandel abstreiten. Das meiste davon zerfällt bei näherer Betrachtung zu Staub – wie Vampire beim ersten Sonnenstrahl.

Mein Tipp, lieber Herr S.: Hinterfragen Sie, zweifeln Sie, bleiben Sie kritisch! Leserbriefe sind Meinungsbeiträge, keine (pseudo-)wissenschaftlichen Aufsätze. Wenn Fakten, dann mit Für und Wider. Die Quellen nennen, gegebenenfalls offenlegen, dass sie umstritten sind. Und nicht behaupten, dass sie, von erstens bis siebzehntens, die absolute Wahrheit verkünden. Das wäre unredlich.

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

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