Süchtig nach guten Geschichten

Schöne Frauen, starke Männer. Drachen, Riesen, Zwerge, Hexen, Zauberer, Untote und all die anderen – was für eine Story!

Dieser Tage habe ich Post von einem Wissenschaftler aus Wien bekommen. Er beklagt, dass junge Leute, die ein Literaturstudium beginnen, als Motivation nicht mehr Goethe, Shakespeare oder zumindest Harry Potter nennen, sondern Serien auf Netflix (das ist ein Streaming-Dienst aus den Staaten). Und schlussfolgert: Kampf dem Kulturverlust! Eine Welt, in der mehr Menschen „How I Met Your Mother“ als zum Beispiel Franz Kafka kennen, sei keine gute Welt.

Ist das so? Wir wissen: Lesen macht schlau. Wer liest, weiß mehr. Wer liest, hat mehr Fantasie. Wer liest, ist kritischer. Alles richtig, alles wichtig. Was wir leicht übersehen: Der Mensch ist süchtig nach (guten) Geschichten, daran hat sich nichts geändert seit Anbeginn der Zeiten; was sich geändert hat und weiter ändern wird, ist die Technik des Erzählens, die Darreichungsform. Von den Mythen, die sich unsere Urahnen am Lagerfeuer in der afrikanischen Steppe ausdachten, zum gedruckten Buch, vom Theater der griechischen Antike zum Hollywood-Blockbuster, vom Bänkelsang zum YouTube-Kanal – im Grunde dreht es sich immer um dieselben Themen, dieselben Plots, dieselben Elemente und Effekte, vieltausendfach variiert.

Ein Beispiel: Game of Thrones, das Lied von Eis und Feuer. In seiner Fantasy-Saga, die grandios  als Serie verfilmt worden ist, verrührt der Schriftsteller George R.R. Martin unzählige Motive und Figuren aus den großen Erzählungen der Menschheit zu einem Meisterwerk. Macht. Geld. Sex. Liebe. Wahnsinn. Eifersucht. Vertrauen und Misstrauen. Treue und Untreue. Verzweiflung. Sehnsucht. Schuld und Sühne. Gewalt. Brutalität. Hass. Unterdrückung. Aufbegehren. Revolution. Ehre. Verrat. Rache. Vergebung. Wissen. Aufklärung. Glaube. Aberglaube. Angst. Tod.

Das Personal: schöne (meist schlaue) Frauen, starke (mitunter tumbe) Männer. Könige und Königinnen. Prinzen und Prinzessinnen. Helden und Schurken. Gute und Böse. Reiche und Arme. Starke und Schwache. Drachen, Riesen, Zwerge, Hexen, Zauberer, Untote.

Garniert mit Zitaten, etwa aus Filmen wie Star Wars, Mad Max, Lara Croft, Matrix oder Der Medicus. In der Schlussszene der finalen Staffel reitet Jon Snow, der sich opfert, um die Welt zu retten, wie einst John Wayne im Wilden Westen gen Sonnenuntergang (hier: in den Norden).

Besonders originell: die Sprache, ein Mix aus Altertümlichem („Ihr“, „Mylady“, „Ser“, „Lord“), Erfundenem und gewitzten, intelligenten Dialogen in moderner Diktion.

Game of Thrones macht süchtig, weil in der brillant erzählten Geschichte alles drin ist, was Menschen berührt. Anschauen! Anhören! Lesen!

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

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