Die üblen Tricks der Rattenfänger

Raten Sie mal, von wem hier die Rede ist: Ein Mann wacht auf, er hört die Nachrichten und ist völlig verzweifelt, deprimiert über den „Verlust seiner Ideale, seiner Identität, seiner Vorstellung dessen, was dieses Land ist. Oder war. Dass seine Landsleute bereit waren, einen Rassisten, Faschisten, einen Gangster, einen eitlen Narzissten und Betrüger zu wählen. Einen Mann, der mit seinen Übergriffen auf Frauen prahlt, Behinderte verspottet, sich bei Diktatoren einschmeichelt. Einen überführten Lügner.“ Na, erkannt? Kleiner Tipp: Es geht nicht um den Mann, der aufwacht, sondern um den, über den er sich aufregt. Auflösung am Ende der Kolumne.

Nach dem grausigen Geschehen  auf dem Frankfurter Hauptbahnhof – ein kleiner Junge wird von einem Afrikaner vor einen Zug gestoßen und stirbt – habe ich Post bekommen. Ein Teil davon: der übliche anonyme Dreck. Hetze gegen Flüchtlinge und Ausländer, Hetze gegen Politiker („rotgrünbunte Volkszertreter“), Hetze gegen Medien („mit Ihrer Zeitung würde ich mir noch nicht einmal den Hintern abwischen“).

Ein Wutbürger fügt angeblich authentische Zitate bei, die beweisen, so seine Überzeugung, dass manche Politiker planen, „unser schönes Deutschland umzuvolken“. Zitate, die er im Internet entdeckt  hat, hundertfach, tausendfach verlinkt und geteilt, Zitate, die er und seinesgleichen immer wieder hervorkramen, um damit Stimmung zu machen – obwohl sie frei erfunden sind.

Beispiel: Claudia Roth, Vizepräsidentin des Bundestages, soll nach der Silvesternacht 2015 gesagt haben: „Die Vorfälle am Kölner Bahnhof kann man als Hilferuf aller Flüchtlinge werten, weil sie sich von deutschen Frauen sexuell ausgegrenzt fühlen.“ Faktencheck: Das Zitat stammt nicht von Claudia Roth. Sondern von einem Troll namens Uwe Ostertag, der eimerweise Hass und Häme im Netz auskübelt („Provozieren, das ist wie ein Orgasmus“) und seine Stänkereien als Satire ausgibt. Das Problem: Viele Menschen fallen auf solchen Mist herein und verbreiten die Fakes als ihre „Wahrheit“ weiter – in Blogs, Videos, auf Internetseiten der sogenannten Gegenöffentlichkeit.

Die Masche ist immer dieselbe: Emotionen schüren, Gefühle, Instinkte, Vorurteile bedienen, pöbeln, verunglimpfen – das ist die Methode der Populisten und Rattenfänger. Der kleinen wie der großen. Typen wie Ostertag, Typen wie, nein, die Namen der AfD-Hetzer nenne ich jetzt nicht, Typen wie … John Dennison. Eine Romanfigur, so heißt der gewählte US-Präsident in „Jahre des Jägers“, dem aktuellen Bestseller von Don Winslow, aus dem ich eingangs zitiert habe. Gemeint ist, na klar: Donald Trump, König der Tatsachenverdreher, der jeden Tag Fake-News absetzt, der jeden Tag von Journalisten entlarvt wird – und sich nicht darum schert. Seine Anhänger finden ihn klasse. Wie eine Kopie wirkt Boris Johnson, neuerdings britischer Premierminister, noch so ein dreister Lügenbold.

Seit je gehört das Spiel mit Information und Desinformation zum politischen Geschäft, aber nie war es so einfach, die Meinung der Massen zu manipulieren. Die bittere Wahrheit: Das Netz ist eine Lügenmaschine.

Nachdenkliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

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