Es ist vorbei, wenn es vorbei ist

Typisch Mensch: Wir sind verdammt gut im kollektiven Weghören und Verdrängen von unangenehmen Tatsachen. Mal gespannt, wie wir mit dem Weltuntergang klarkommen …

Alarm! Alarm! Alarm! Kaum kratzt die Quecksilbersäule an der Vierzig-Grad-Marke, trötet einer dieser Wettermänner die fürchterliche Wahrheit  in die Welt: Das ist der Klima-Kollaps! Das ist die Hitze-Apokalypse! (Andere wählen, einen hal­ben Ton tiefer, Vokabeln wie gefährlich, mörderisch, katastrophal.) Oha, die Apokalypse! Zu Deutsch: Weltuntergang, Gottesgericht, das Ende der Geschichte! Die sieben Donner der Offenbarung und so. Das war’s, ich packe zusammen, ist ja eh vorbei, die Apokalypse ist da.

Mumpitz! Warum bloß hauen die Schreckensmelder und Panikapostel in ihren Orakeln und Prognosen auf den Pudding, als gäbe es kein Morgen? Warum übertreiben sie? Warum verbreiten sie Angst? Es geht um: Aufmerksamkeit. Wer am lautesten schreit, findet Gehör. Wer sich nicht Gehör verschafft, verschwindet von der Bildfläche. Sieben Milliarden Erdlinge im globalen Mediendorf gieren nach Stoff, nach Stimulation. Emotional, berührend, stets frische Ware. Vielfältig sind die Ablenkungen, Gewöhnung droht, gar Langeweile.

Klimawandel ist normal – seit mehr als vier Milliarden Jahren, als sich aus dem Dampf der brodelnden Ursuppe die Erdatmosphäre bildete. Meist war es wärmer als heute, immer wieder auch weitaus kälter. Mal rückten mächtige Eispanzer auf den Äquator zu, mal zogen sie sich auf die Pole zurück. Vor 750 Millionen Jahren fror der Planet fast völlig ein – und sauste als Schneeball durchs All.

Neu ist, dass diesmal wir Menschen mitmischen und die Abfälle der Industriegesellschaft in der Natur entsorgen, die Meere vermüllen, die Luft verpesten. Mit fatalen Folgen. Es wird wärmer, ob zwei oder fünf Grad, keiner weiß es genau. Das passiert rasend schnell. Das verändert alles. Zeit zu handeln! Mutter Erde ist es  schnuppe, ob der Homo Sapiens  überlebt oder nicht.

Was auffällt: Es braucht besondere Ereignisse (vierzig Grad), es braucht besondere Menschen (Greta Thunberg), die uns aufwecken (vielleicht sogar die Politik?!), bevor sich wieder Überdruss und Ermüdung breitmachen und die Themen sich verflüchtigen, irgendwo im Nirgendwo. Typischer Reflex: erst Hysterie, dann Verharmlosung. Das Waldsterben in den achtziger Jahren, der Atomknall in Tschernobyl, in Fukushima. Erinnert sich jemand? Wir sind verdammt gut darin, uns aufzuregen, uns Angst einjagen zu lassen, uns Untergangsfantasien hinzugeben und, weil alles immer so schlimmschlimmschlimm ist, zu verdrängen. Und wir sind verdammt gut im kollektiven Weghören. Wahrlich, ihr Apokalyptiker, ich sage euch: Es ist nicht vorbei. Es ist vorbei, wenn es vorbei ist, vorher nicht.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

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2 Kommentare

  1. Veränderung erfolgt nur über Schmerz. Ist der Schmerz weg, sinkt das Bedürfnis etwas zu verändern im gleichen Maße, das ist nicht nur beim Klimaschutz so.

  2. Veränderung erfolgt über Schmerz. Lässt der Schmerz nach, sinkt der Wille zu Veränderungen. Das nennt man auch Psychosomatik.
    Gleiches lässt sich auf den Klimaschutz übertragen: An manchen Tagen tuen gewisse Nachrichten besonders weh, der Aufschrei nach Veränderung wird groß.
    Nach einiger Zeit schwindet die Erinnerung an den Schmerz und das Streben nach Änderung tritt wieder in den Hintergrund.

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