Fast so kultig wie Bloomsday

Feiern, trinken, tanzen, singen, chillen, lesen … und für die „Dösköppe vom Lande“ (Tschuldigung, Zitat) ist auch etwas dabei.

Es ist ein wildes, ein verrücktes Fest. Die Menschen kaufen Zitronenseife, sie baden in der eiskalten See, sie essen in Butter gebratene Schweineniere zum Frühstück und später Gorgonzolabrot, sie trinken Burgunder, sie tanzen, sie singen, sie geben sich am Strand unanständigen Dingen hin. Und: Sie lesen. Es ist Bloomsday. Der 16. Juni in Dublin, der Tag, an dem „Ulysses“ spielt – der monumentale Roman, mit dem James Joyce vor einem Jahrhundert die Erzählkunst revolutioniert hat. Auf tausend Seiten beschreibt der irische Schriftsteller einen einzigen Tag im Leben von Leopold Bloom, den 16. Juni 1904. Literaturfans haben Bloomsday zum Feiertag ernannt, an dem sie, alle Jahre wieder, in Dublin Schabernack auf den Spuren der Romanfiguren treiben.

Wir feiern mit. Und weil Bloom bei einer Zeitung arbeitet … lesen Sie, was er in der Redaktion und in der Druckerei erlebt; der Stoff ist hundert Jahre alt – und wirkt taufrisch:

Wie ein großes Tagesorgan entsteht

„ […] Aber es sind die Anzeigen und Lokalnotizen, die ein Wochenblatt verkaufen, nicht die abgestandenen Nachrichten im offiziellen Teil. Queen Anne ist tot. Amtlich verkündet im Jahre eintausendund. […] Aus dem Reiche der Natur. Die Witzseite. Phil Blakes allwöchentliche Geschichte von Pat und Bull. Onkel Tobys Seite für unsere Kleinen. Und der Briefkasten für die Dösköppe vom Lande. Sehr geehrter Herr Redakteur, wissen Sie ein gutes Mittel gegen Blähungen? Den Teil würd ich sogar ganz gerne machen. Man lernt eine Menge, wenn man andere belehrt. Personalnachrichten A.I.B. Alles in Bildern. Wohlgestaltete Badende an goldenem Strand. Der größte Ballon der Welt. Schwestern feiern Doppelhochzeit. Zwei Bräutigame, einander herzlich anlachend. […] Die Maschinen rasselten im Dreivierteltakt. Stampf, Stampf, Stampf. Also wenn der da nun plötzlich gelähmt würde und keiner wüsste, wie man die Dinger stoppt, dann würden die immer so weiter rasseln, weiter drucken und immer weiter, vor und zurück, vor und zurück. Würden die ganze Geschichte total vermasseln. […]“

Falls Sie es am Wochenende nicht nach Dublin schaffen: Lesen Sie Joyce. Oder schauen Sie in Trier auf dem Domfreihof vorbei, beim Festival StadtLesen, schnappen Sie sich ein Buch, eine Hängematte, ein Sitzkissen, schmökern Sie – das ist fast so kultig wie Bloomsday.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.