Oh je, Clara Viebig ist sauer …

Post von Clara Viebig, Villa Dürich, Mittelwalde, Glatzer Land. Ende Mai 2019. Zwei eng bedruckte Seiten. So so …

Ihre Hand sei zittrig geworden, die Tochter einer Freundin habe es freundlicherweise übernommen, den Brief mit der Maschine zu schreiben. Sie melde sich nicht mehr so häufig zu Wort, aber es bleibe ihr keine andere Wahl. Zu Hans Pfitzner müsse sie etwas sagen. Die junge Volksfreund-Redakteurin mit den herabhängenden Haaren habe es geschafft, den Mann zu brandmarken und von der Bühne zu stoßen …

Um ihn geht es: Hans Pfitzner (1869-1949), Komponist, Dirigent und Autor, politisch rechts außen zu verorten, immer wieder aufgefallen mit antisemitischen Äußerungen – in der Kaiser-Zeit, in der Hitler-Zeit, nach dem Zweiten Weltkrieg. Verirrt, verwirrt, verstrickt? Der Trierer Konzertchor wollte zum 150. Geburtstag Pfitzners dessen romantische Kantate „Von deutscher Seele“ (1921) nach Gedichten von Joseph von Eichendorff aufführen. Protest! Kultur-Macher wie der Theaterintendant Manfred Langner sprachen sich dagegen aus, Stadt und Land verweigerten Zuschüsse – wegen der NS-Nähe Pfitzners. Die Berichterstattung im Volksfreund löste eine eifrig geführte Debatte aus, nach einigem Hin und Her wurde das für den Herbst geplante Konzert abgesagt.

Sehr zum Ärger von, ähem, Clara Viebig, die ihren Brief an die Chefredaktion diktierte. Die Würde Pfitzners sei in Schmutz und Schande gezogen worden, die junge Redakteurin habe gnadenlos auf ihm herumgetrampelt. Pamphlet! Kampagne! Schmähung! Und so weiter …

Erste Pointe: Clara Viebig (1860-1952) ist lange tot. Witzige Idee, der in Trier geborenen und in Berlin berühmt gewordenen Schriftstellerin („Das Weiberdorf“) eine Verteidigungsrede auf Pfitzner in den Mund zu legen.

Zweite Pointe: Der anonyme Absender und Viebig-Ghostwriter ist erkannt – oder stecken Sie nicht dahinter, Herr S. aus G.?!

Dritte Pointe: Einen kontaminierten Künstler wie Pfitzner glorifizieren? Nein. Seine Musik singen und spielen, eingebettet in ein Programm, das seine zweifelhafte gesellschaftspolitische Orientierung thematisiert und den historischen Kontext mitdenkt? Vorstellbar. 

Wo fängt sie an, wo hört sie auf, die Empörung, oder, wie der Historiker Michael Wolfssohn sagt, die  Tugendhysterie? Etwa wenn, wie gerade in Berlin, der expressionistische Maler Emil Nolde (1867-1956) ausgestellt und als Nazi-Fan demaskiert wird – obwohl selbst als „entartet“ verfemt? Etwa wenn Fußball gespielt wird – in Hitlers Olympia­stadion? Etwa wenn ein Gottesdienst gefeiert wird, im Trierer Dom, in der Basilika – errichtet von blutrünstigen römischen Imperatoren?

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

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