Selbsterfüllende Prophezeiung

Es ist immer wieder faszinierend  zu beobachten, wie Vorurteile und Meinungen in die Welt gelangen, sich verfestigen, zu selbsterfüllenden Prophezeiungen entwickeln und – vielleicht – als Verschwörungstheorie verröcheln. Ein klitzekleines, in der Sache belangloses, aber typisches Beispiel:

Herr H. A. aus Bayern schreibt, er sei als ehemaliger Trierer dieser Tage in seiner Geburtsstadt gewesen: „Wie haste dir verändert!“ Viel Erfreuliches, aber auch so manches Abschreckende (Marx-Statue). Zu zwei Berichten im Volksfreund habe er Leserbriefe verfasst, die er der Redaktion nun zuleite.

Fein, der Blick von außen tut gut, ist oft erfrischend, eröffnet mitunter neue Perspektiven.

Erstes Thema: Verkehrslärm, verursacht durch Motorräder, warum  die Politik nichts dagegen unternimmt und die Kirche derlei „Terror“ auch noch segnet („so wie früher Panzer“). Zweites Thema: das Trierer Nordbad und die Kosten fürs Wärmen des Wassers nebst einiger Vorschläge, wer „nur mal das Gehirn einschalten“ sollte („sofern ausreichend vorhanden“), um das Problem zu lösen.

Okay, nicht besonders aufregend, wir bringen die Zuschriften im Lokalteil.

Halt! Herr H. A. aus Bayern hat fettgedruckt vermerkt: „Bitte nennen Sie meinen Namen nicht, es ist gefährlich geworden, in Deutschland seine Meinung kundzutun, wenn diese nicht dem Mainstream entspricht.“

Das finde ich merkwürdig. Wenn es einen Mainstream („Hauptstrom“) in Deutschland gibt, dann den, dass jeder seine Meinung zu allem sagen darf.  Jeder darf die Politik kritisieren, jeder darf die Kirche kritisieren, jeder darf die Medien kritisieren. Im Volksfreund: Jeder, der zu seiner Meinung steht. Also nicht anonym. Ein ehernes Gebot, die Redaktion informiert Herrn H. A. aus Bayern. Prompt kommt die Antwort: „Ich habe nichts anderes erwartet, da meine Meinung sich nicht mit dem Mainstream deckt. Ich bin leider gewohnt, dass ,kritisierte Kreise‘ sich  zu wehren wissen. Nun denn, ich denke mir so einiges über die ,Berichterstattung‘ Ihrer so ,wunderbar überparteilichen‘ Zeitung.“

Psychologen sagen: Wir sind so strukturiert, dass wir in jedes Ereignis das hineinlesen, was wir immer schon für richtig gehalten haben. Siehste, ich hab‘s gewusst: Denen passt meine Meinung nicht, weil sie nicht Mainstream ist, deshalb drucken sie meinen Leserbrief nicht ab. Nein, nein und nein, Herr H. A. aus Bayern!

Meinung von Lesern nicht gleich Meinung von Redakteuren? Na und, findet sich im Volksfreund tausendfach! Je kontroverser, desto besser – das macht’s doch spannend! Und was immer Sie unter Mainstream verstehen: Nichts ist tabu.

Der einzige Grund, warum Ihre Leserbriefe nicht veröffentlicht werden: Weil Sie Ihren Namen nicht preisgeben wollen. Schade.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

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