Eine Frage der Ehre

Rettet dem Deutsch! Ein Hilfeschrei, ein Stoßgebet, so falsch (absichtlich), dass es wehtut – wie oft habe ich diese drei Wörter samt einem oder mehreren Ausrufezeichen gedacht, gegrummelt, gefluc… angesichts von Texten, in denen es drunter und drüber geht. Rechtschreibung, Grammatik, Satzbau, Interpunktion, Umgang mit Tempora, Wortschatz, Logik. Rettet dem Deutsch!

Joachim Schröder aus Pronsfeld, Leser und langjähriger freier Mitarbeiter dieser Zeitung, schreibt zum Thema: Wie steht‘s um unsere Grammatik? Immer öfters fällt mir in letzter Zeit – das gilt auch für den Volksfreund – auf, dass es mit gewissen grammatikalischen Konstruktionen hapert. Beispiele gefällig? „Wegen dem schlechten Wetter musste eine Reihe von Spielen abgesagt werden.“ – „Wegen des Schneefalls wurden eine Reihe von Nebenstraßen gesperrt.“ – „Es gab trotz dem Zwischenfall keine zusätzlichen Erschwernisse.“ – „Eine Vielzahl von Unfällen ereigneten sich in Bayern auf der A 8.“ – „Der viele Schnee sorgte für großes Chaos.“ (Seit wann ist „viel“ ein zu deklinierendes Adjektiv? Vielmehr ist es ein Numerale indefinitum - undeklinierbar). Ich könnte endlos fortfahren. Wo studieren eigentlich unsere Journalisten? Braucht es auch das Fach Linguistik?

Lieber Herr Schröder,

die einen bedauern, dass die Sprache Luthers, Goethes und Thomas Manns verludert und verlottert. Die anderen sagen, was regt ihr euch auf, ist doch normal – die Art, wie wir kommunizieren, hat sich halt (mal wieder) verändert. Diesmal im Zeichen der digitalen Revolution und der sozialen Netzwerke: schneller, spontaner, kürzer, extremer, zugespitzter, lauter, unkonzentrierter, kreativer – und oft ohne Rücksicht auf die Konventionen der reinen Lehre. Goethe hat nicht wie Luther geschrieben und Thomas Mann nicht wie Goethe. Wohl nie aber war der Wandel so rasant, so radikal wie in der Jetztzeit.

Der Befund: Die Zahl der Kundigen, die das korrekte Schreiben beherrschen, nimmt ab. Die Zahl der Schlunzer und Schluderer, die das korrekte Schreiben nicht beherrschen (oder denen es egal ist), nimmt zu. Der Hamburger Trendforscher Peter Wippermann beobachtet und analysiert die Entwicklung seit Jahren. Seine Erkenntnis: Das Rechtschreibniveau ist stark gesunken. Wenn Schüler heute ein Diktat aus den 1960er Jahren schreiben müssten, dann würden rund drei Viertel als Legastheniker gelten.

Uni-Professoren beklagen wachsende Defizite in der Sprach-, Lese- und Schreibkompetenz der Studenten. Manche seien nicht imstande, die Aussage eines längeren Textes zu erfassen oder die eigenen Gedanken und Argumente richtig auszudrücken. Mitunter seien selbst angehende Lehrer der deutschen Sprache nicht mächtig.

All das macht sich mählich in der gehobenen Schriftsprache bemerkbar. Niemand ist vollkommen, Fehler passieren, selbst Sprachhelden sind davor nicht gefeit.

Eine Frage der Ehre, dass wir beim Volksfreund alles dafür tun, gute Texte zu veröffentlichen. Rettet dem Deutsch!

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

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