Ein halber Mensch, statistisch …

Canis lupus: „gar sehr gefräßig, grausam, arglistig und der gefährlichste Feind der wilden und zahmen Thiere, das schädlichste Geschöpf Gottes, welches die Menschen angreiffet, zerreisset und frisset“ (Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste, 1732 bis 1754).

Canis lupus, der Wolf: ein Quotenbringer, seit Menschengedenken. In Mythen und Märchen,  in modernen Medien. Der geheimnisvolle Abdruck einer Tatze auf einem Wanderweg, rätselhaftes Jaulen in der Vollmondnacht, ein totes Schaf auf der Weide – schwuppdiwupp ist eine Meldung, eine Story in der Welt: War’s der Wolf?! – Eine Leserin aus Mertesdorf, sie nennt sich Sue von der Mosel, schreibt:

Das Thema geht mir ganz schön auf den Geist. Ich schütze mein Eigentum, ich rufe nicht nach Vater Staat, wenn ein Schaden durch Einbruch oder Wetter entsteht. Wieso kann der Schäfer oder Landwirt sein Eigentum nicht durch Hunde, Alarmanlagen, Zäune schützen? Da gibt es zahlreiche Möglichkeiten! Warum leistet der Staat Schadenersatz mit unseren  Steuergeldern? Man kann auch Hunde, Schafe, Pferde, Hühner versichern!

Ganz doll wird’s, wenn Leserbriefschreiber behaupten, sie hätten Angst vor zähnefletschenden Wölfen. Bullshit! Vermutlich wird derjenige, der das schreibt, nie einen zähnefletschenden Wolf sehen, wohl aber täglich zähnefletschende Hunde und Menschen, die sind erheblich gefährlicher als Wölfe. Vergesst bitte nicht: Die Tiere waren vor uns auf der Erde! Ich verstehe den Ausrottungswahn nicht. Denkt mal nach, folgt nicht blind dem Wolfsgeheul der Meute!

Liebe Sue von der Mosel,

stimmt, die Angst vor Canis lupus ist irrational. Aber nicht wegzubekommen. Warum? Kopfkino! Die alten Mythen, die alten Schauermärchen, die alten Geschichten: gar sehr gefräßig, grausam, gefährlich …

Die Wahrheit, statistisch: Weltweit stirbt im Schnitt jedes Jahr ein halber Mensch durch Wölfe. Ein halber zu viel, klar. Aber kein Grund zur Panik. Opfer von Hunden: 25.000. Opfer von Mücken: 725.000. Darüber redet niemand. Wobei das mit der Statistik so eine Sache ist. Vermutlich wird jeder Statistiker, wenn er die Wahl hat, einem Wolf oder einer Mücke zu begegnen, sich tapfer dem weitaus tödlicheren Gegner stellen.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

 

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