Topf drauf, Haare ab

Das singt, ähm, das singt, warte mal, wie heißt der noch, so‘n Ballermann-Barde. Mickie Krause, nee, Tim Toupet! Du hast die Haare schön, du hast die Haare schön, du hast, du hast die Haare schön. La la la laaa la la …

Tim Toupet und der singende Friseursalon! Was für eine Nummer!

Haarsträubende Einleitung dieser Kolumne, gebe ich zu.

Jetzt mal im Ernst: Post an die „Direktion, Abt. Leserbriefe“, vom Frauen-Club aus Koblenz, gezeichnet Hanna H. Ein dicker Umschlag, etwas vergilbt. Drin wenig Text, viele Fotos. Ausgeschnippelt aus der Zeitung. Ah, ich verstehe, eine Beschwerde, der Frauen-Club ist sauer. Auf Männer. Deshalb die Fotos,  über Jahre, nein: Jahrzehnte gesammelt. Die Fotos zeigen Männer. Männer mit Haaren. Männer mit langen Haaren. Männer mit ganz langen Haaren. Männer mit Vokuhila und Hikuvola. Mit Minipli und Dauerwelle. Mit Afro, Rasta, Zopf. Mit Zotteln und Borsten. Prinz Eisenherz ist auch dabei.

Hanna H. schimpft:

Für uns Leser ist es nicht schön, wenn Sie uns in der Zeitung immer wieder solche ekelerregenden  Langhaardackel vorsetzen, solche hässlichen Fratzen, das ist ja schon Abschaum, diese Missgeburten, die sollten besser auf die Geisterbahn, um Leute zu erschrecken. Die sehen aus wie aufgefressen und wieder ausgekotzt. Vielleicht haben die auch die Krätze. Gibt es die auch in schön!?

Liebe Frau H.,

das finde ich, ehrlich gesagt, nicht nett von Ihnen. Männer sind anders, Frauen auch. Aber Männer sind auch nur Menschen. Und alle Männer so anzuraunzen, wie Sie das tun, von Helge Schneider bis Mick Jagger, von Kent Nagano bis Justus Frantz, von Ruud Gullit bis Torsten Frings – bloß wegen einiger Haar-Experimente. Nein, nicht nett.

Früher haben Kaiser und Könige die Trends bei der Frise gesetzt, heute sind es Fußballer und Popstars. Modemacher, sozusagen. Tattoos, Klamotten, Klunker. Und der Haarputz. Manche Dinge ändern sich niemals, andere schon. Die Mode etwa. Sie ist so hässlich, dass man sie alle sechs Monate ändern muss, spottete der Dandy Oscar Wilde (1854-1900, lange Mähne, in der Mitte gescheitelt).

Was angesagt ist, verraten die Coiffeure auf der Seite friseur.com; in dieser Saison: „der wuschelige Lockenkopf mit scheinbar ungezähmter Mähne“ genauso wie „die strenge Gelfrisur mit Seitenscheitel oder die Vintage-Tolle, die dem King of Rock’n’Roll alle Ehre macht.“ Und: „Seitlich rasierte Partien erinnern an den typischen Brit-Pop-Chic. Lässig in die Stirn gestylte Schnitte wiederum vermitteln einen rockigen Touch.“ Für Hanna H. keine Option: Sie rät zu Normfrisuren wie in Nordkorea. Topf drauf, Haare ab – der legendäre Pisspottschnitt, neudeutsch vornehm: Bowl Cut.

P.S.: Wenn Sie sich für den Kult um Kultfrisuren begeistern, im Netz gibt’s witziges Anschauungsmaterial. Mein Favorit: www.11freunde.de/galerie/bildergalerie-unfassbare-fussballer-frisuren … ein großer Spaß, (noch) besser als Tim Toupet.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

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