Fürchtet euch nicht!

Erdbeermarmelade. Morgens. Mittags. Abends. Davon wird sich meine Familie ernähren, wenn es so weit ist. Tagelang, wochenlang. Nanu, eine Geschichte über Erdbeermarmelade? Ja, auch. Aber nicht nur.

Was macht das mit Ihnen, wenn Sie die Nachrichten lesen, sehen, hören? Zum Beispiel: Neues Zivilschutzkonzept für Deutschland! Ist diese Woche rauf und runter gelaufen. Die Regierung will, dass wir Vorräte an Lebensmitteln („für zehn Tage“) und Trinkwasser („für fünf Tage, zwei Liter pro Person und Tag“) bunkern. Upps. Für den Notfall, heißt es. Notfall, was denn für ein Notfall?! Naturkatastrophen. Angriffe von Terroristen, die alles lahmlegen. Stromnetze. Wasserversorgung. Kraftwerke. Krieg? Nein, unwahrscheinlich, sagen sie in Berlin.

Was ist da los?! Einige Leser äußern Sorge, Beklommenheit, Angst. Verstehe ich. Wie das auch rübergebracht wird! Hamsterkäufe, raunt es ahnungsvoll in einigen Blättern. Checklisten tauchen auf. Zwieback, 400 g. Knäckebrot, 1000 g. Nudeln, roh, 500 g. Saure Gurken im Glas, 400 g. Und so weiter. Verschwörungstheoretiker orakeln, unwiderlegbar: Da ist etwas im Busch, ganz großes Ding. Die Russen kommen. Oder so.

Leute, Leute. Es ist nix passiert. Vielleicht passiert auch nix. Vielleicht aber doch. Vielleicht fällt uns der Himmel auf den Kopf. Niemand kennt die Zukunft. Der Staat ist verpflichtet, seine Bürger zu schützen. Die Überprüfung der „Konzeption Zivile Verteidigung“ war nach einem Vierteljahrhundert – Ost-West-Konflikt, Mauerfall, Sie erinnern sich – fällig. Und hat nichts mit aktuellen Bedrohungen zu tun.

Der Zeitpunkt, ein solches Krisen-Szenario vorzustellen, ist freilich ungünstig. Landauf, landab wird über die „nationale Sicherheitsarchitektur“ diskutiert. Und jetzt das. Was ist Ursache, was ist Wirkung? Und wie schnell ist beides verwechselt! Ursache: nicht die Terrorlage, nein. Sondern … siehe oben.

All das Gewese im politischen Treibhaus trägt nicht zur Beruhigung der Nerven bei. Und die Medien heizen an. Die einen mehr, die anderen weniger.

Vielen Menschen jagt dieser Alarmismus, dieses Stakkato an schlechten Nachrichten Angst ein. Manche glauben gar, dass wir schnurstracks der Apokalypse entgegenwanken. „German Angst“ nennen Briten und Amerikaner die typisch deutsche Befindlichkeit. Dieses unablässige Bangen und Barmen, diese Neigung zum Pessimismus, diese nagenden Zweifel, ob denn alles perfekt sei – gipfelnd in Selbstgeißelung und Beschwören des eigenen Untergangs. Reihum werden die Übel abgearbeitet und gemischt und wieder aufgewärmt – zu immer neuen Panik-attacken. Begleitet von medialem Tamtam, dröhnend wie die sieben Donner der Offenbarung.

„Welches ist der widerstandsfähigste Parasit? Ein Bakterium? Ein Virus? Ein Darmwurm? – Ein Gedanke! Resistent, hochansteckend. Wenn ein Gedanke einen Verstand erst mal infiziert hat, ist es fast unmöglich, ihn wieder zu entfernen.“ (Leonardo DiCaprio als Dominick „Dom“ Cobb im Science-Fiction-Film „Inception“)

Weitaus infektiöser als jede Krankheit ist der bloße Gedanke daran, sagt der Neurobiologe und Autor Dr. Henning Beck. Seine These, die er im Magazin Geo erläutert hat: Angst erzeugt Angst. Geteilte Angst ist doppelte Angst („geteilt“ ist – siehe Facebook – wörtlich zu nehmen.)

Angst, sagt Beck, ist ein uraltes Verhaltensmuster. Ganz egal, wovor Menschen sich ängstigen, ob Spinnen oder Terroristen, ganz egal, in welcher Kultur, in welchem Winkel der Welt – die unmittelbare Reaktion, das Erschrecken, ist gleich: Der Körper setzt Stresshormone frei, beschleunigt den Herzschlag, wir reißen die Augen auf. Für diese Impulse sorgt das limbische System des Gehirns. Was uns ängstigt, hängt davon ab, wie die anderen sich verhalten. Wir lassen uns emotional anstecken.

Und was hilft? Lachen ist die beste Medizin. Klingt banal, ist aber so. Wer positiv denkt, wer nicht ständig Probleme wälzt, wer sich traut, dem Schicksal in den Rachen zu greifen – der kann getrost die „German Angst“ verlachen! Und die Leichtigkeit des Seins genießen, ein bisschen wenigstens.

Ach ja, bei mir zu Hause gibt’s im Fall der Fälle Erdbeermarmelade. Morgens. Mittags. Abends. Die Überproduktion im Frühjahr hat sich gelohnt, ha! Regalweise stapeln sich die Gläser in der Vorratskammer.

Darf man das eigentlich? Erdbeermarmelade horten? Ist das nicht gefährlich? Besser mal im Krisen-Szenario nachschlagen, das ist doch bestimmt geregelt …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

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