Kreiz Biam Bam und Hollastaudn!

Symbol, das (gr.-lat.: „Zeichen, Sinnbild“). 1. In der Antike ein durch Boten überbrachtes Erkennungs- oder Beglaubigungszeichen zwischen Freunden oder Vertragspartnern. 2. wahrnehmbares Zeichen (Gegenstand, Handlung, Vorgang), stellvertretend für einen anderen Sachverhalt, etwas nicht Wahrnehmbares (auch Gedachtes, Geglaubtes), oft ohne erkennbaren Zusammenhang mit diesem. 3. Ausdruck im Unbewussten, Verdrängen in Worten …

Ach, viel zu kompliziert, diese Lexikon-Definitionen (Duden, Wikipedia). So lässt sich das nicht erklären. Besser mit Beispielen. Also, manchmal melden sich Leser, die sich (oder Verwandte, Freunde) auf einem Foto in der Zeitung erkannt haben. Oder glauben, sich (oder Verwandte, Freunde) erkannt zu haben. Es dreht sich fast immer um Symbolfotos, die Geschichten illustrieren, zu denen es keine dokumentarischen Bilder gibt. Oder zu denen, etwa aus juristischen Gründen, keine dokumentarischen Bilder veröffentlicht werden dürfen.

Thema Altenpflege: die Hand einer betagten Dame.

Thema Neo-Nazis: ein glatzköpfiger Mann in Bomberjacke von hinten.

Thema Haschisch: ein Hippie mit Bong auf der Parkbank, kaum zu erkennen, umnebelt von dichten Rauchschwaden.

Leserreaktionen: Wie können Sie es wagen, ein Foto von meiner Mama, die im Heim lebt, zu drucken?! Wer hat Ihnen erlaubt, meinen Papa auf seinem Spaziergang zu knipsen?! Was unterstehen Sie sich, meinen Sohn als Kiffer abzubilden?!

Keine Sorge: Es ist nicht Mama, es ist nicht Papa, es ist nicht der Sohn. Es sind meist Models, die sich von Fotografen/Agenturen in Szene setzen lassen.

In diesem besonders putzigen Fall ist es etwas anders:

Herr W. aus der Eifel schreibt zur Seite zwei des Trierischen Volksfreunds vom 11. Februar 2016: Unter der Überschrift „Europa ringt weiter um Auswege aus der Krise“ findet sich ein Foto mit der Untertitelung „Ein Flüchtling geht Anfang Oktober 2015 im österreichischen Julbach auf die Grenze nach Deutschland zu.“

Screenshot

Hierzu erreichte mich ein aufgeregter Anruf von meinem lieben Onkel H. aus Prien am Chiemsee. Er ist sich sicher, dass er der Mann ist, welcher auf diesem Foto abgebildet ist. Onkel H. ist Mitglied im Wanderverein „Luis Trenker und die Gletscherboys“ und befand sich zum Zeitpunkt der Aufnahme mit mehreren Gleichgesinnten auf einer grenzüberschreitenden Wanderung von Bad Reichenhall nach Salzburg und zurück. Im Rucksack befand sich laut Aussage meines Onkels Marschverpflegung und Bier. Leider ist auf dem Bild der Kopf abgeschnitten, sonst wäre nämlich sein alter unverwechselbarer Tirolerhut mit Gamsbart zu erkennen, den er bei solchen Anlässen stets trägt.

Onkel H. verwahrt sich entschieden dagegen, ihn als Flüchtling zu bezeichnen und bittet sehr darum, das zu korrigieren.

Upps! Kann das sein? Wäre peinlich. Der Fotograf der deutschen Presse-Agentur (dpa) hat doch nicht wirklich Onkel H. zum Flüchtling gemacht? Nein, hat er nicht. Originalfoto herausgesucht, und siehe da: kein Tirolerhut mit Gamsbart.

Ein älterer Flüchtling geht am 06.10.2015 im österreichischen Julbach nahe der deutschen Grenze an einem Schild mit der Aufschrift "Germany" und der Abbildung einer deutschen Flagge vorbei. Foto: Armin Weigel/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++Ein älterer Flüchtling geht am 06.10.2015 im österreichischen Julbach nahe der deutschen Grenze an einem Schild mit der Aufschrift „Germany“ und der Abbildung einer deutschen Flagge vorbei. Foto: Armin Weigel/dpa +++(c) dpa – Bildfunk+++

Herr W. schreibt wieder: Selbstverständlich habe ich meinen lieben Onkel H. aus Bayern informiert und ihm das von Ihnen übersandte Foto nach Prien am Chiemsee zukommen lassen.

Er rief mich an und fluchte auf gut Bayerisch wie ein Kesselflicker: „Kreiz Biam Bam und Hollastaudn! So ein Hundskrüppel verreckter. Des ies jo der Alois un net ie.“

Auf mein Nachfragen klärte er mich auf: Der Alois wäre ein über alle Grenzen hinaus bekannter Schnaps- und Tabakschmuggler. Normalerweise werde er auf seinen Schmuggeltouren von seiner Frau Fritzi begleitet, welche ein „geschlampates Flitscherl“ und eine „rechte Mistpritschen und Brunzkachel“ sei, weil sie ihm schon einmal minderwertigen Stroh Rum aus Österreich für teures Geld verkauft habe.

So habe sich der Alois, wie auf dem Bild gut zu erkennen, sogar ein paar schicke Schuhe und neue Hosen leisten können. Nur schade, dass die Fritzi nicht mit auf dem Bild sei, denn dann wäre die Sache rund.

Wie dem auch sei, wir werden es nie ergründen, ob auf dem Foto ein Flüchtling oder tatsächlich der Alois abgebildet ist, welcher schnellen Schrittes mit seinem prall gefüllten Schmugglerrucksack den Berg hinauf eilt, weil ihm womöglich die Zöllner auf den Fersen sind …

Schöne Geschichte, Herr W.!

Herzliche Grüße, auch an Onkel H. aus Prien am Chiemsee!

Peter Reinhart

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