So viel Theater

Hans Zimmermann aus Trier wendet sich mit einem Appell an die kulturschaffenden Damen und Herren des Volksfreunds:

Ich bin Leser seit der Steinzeit. Beiliegenden Auszug von den Salzburger Festspielen (Anm. d. Red.: ein Artikel aus der Internet-Zeitung Südtirol Online vom 10. August) übersende ich mit der Bitte um Kenntnisnahme. Ich habe erwartet, dass von diesem besonderen kulturellen Ereignis auch der TV etwas berichtet hätte. Stattdessen füllen halbseitige Berichte über Vampire, Serienmörder oder Zickenkrieg die Zeitung. Zugegeben, es gibt auch gute Meldungen.

Der Einwurf, Salzburg liege einige Kilometer zu weit weg, kann nicht gelten, denn die USA sind noch viel weiter weg. Aber es ist Ihre Klientel, die Sie bedienen wollen. Vielleicht fährt einmal jemand aus Ihrem Kreis nach Salzburg zur Festspielzeit (wenn der Quästor das zulässt). Das wäre gegebenenfalls lehrreich.

Lieber Herr Zimmermann,

ich fühle mit Ihnen: die Festspielstadt Salzburg, die Superdiva Anna Netrebko als Leonora in Verdis Troubadour, die provokante Inszenierung des lettischen Regisseurs Alvis Hermanis, der die Gaga-Handlung in ein Museum verlegt hat – da schlägt das Herz jedes Opernfreunds höher. Lodern zum Himmel seh’ ich die Flammen.

Unzweifelhaft: spannend, spektakulär. Warum ist davon nichts im Volksfreund zu lesen? Weil wir meinen, dass Theater in Trier derzeit noch ein bisschen spannender, noch ein bisschen spektakulärer ist als Theater in Salzburg. Deshalb berichten wir raumgreifend wie nie über das, was sich an „unserer“ Bühne tut. Wir nutzen jeden freien Quadratzentimeter im Kulturteil dafür (ohne die Attraktionen des Mosel Musikfestivals zu vernachlässigen, Orgel hier, Orgel da, Kunst und Literatur in/aus der Region, die Luxemburger Szene).

Den Salzburger Troubadour bejubeln, die Netrebko feiern? So machen’s alle. Fast alle. Wir nicht. Die Erklärung ist simpel: Würden wir den Volksfreund, salopp gesagt, mit Betrachtungen und Rezensionen aus New York, Rio, Tokio bestücken, käme das zu kurz, was den allermeisten Lesern das Wichtigste ist: was vor der eigenen Haustür passiert. Und das ist aufregend genug.

Trier ist momentan ein Hotspot der Theaterlandschaft. Im Hipster-Jargon: der heißeste Scheiß weit und breit. Diesen hottest shit gilt es zu entdecken, zu beschreiben, zu bewerten – wichtigster Auftrag für die Kulturredakteure der Lokalzeitung.

P.S.: Vampire, Serienmörder, Zicken gibt’s im richtigen Leben; sie erschrecken oder erheitern die Leser der bunten Geschichten auf der letzten Seite.

Vampire, Serienmörder, Zicken als Kunstfiguren in Opern, Musicals, Schauspielen begegnen uns im Feuilleton …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

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