Von und zu

Post aus Wien, Stadt der Deutschen Kaiserkrone und der Reichsinsignien Österreichs. Als Absender zeichnet Kronprinz Iohann Christian Cäsar Ostar von Babenberg von Habsburg von Hohenstaufen, Seine Kaiserlich-Königliche Hoheit, SKKH Priv. Doz. mult. post Diss. univ. Erbprinz von Deutschland, Prinz von Baden-Württemberg, Prinz von Brandenburg, Herzog und Stadtherr von Berlin, Gens von Paula sive Paul, das Fahnengeschlecht des Deutschen Volkes, Deutsche Staufergesellschaft, Deutscher Ritterbund […]. Er schreibt:

Wir, das echte Haus von Babenberg von Hohenstaufen, haben nach einer zweijährigen intensiven Forschungsperiode der deutschen und österreichischen Bundesregierung fünf Rettungsprojekte für die Menschheit vorgestellt. […] Der Tod der Menschheit wird nach Unseren langjährigen Berechnungen um das Jahr 2040 eintreten […]

Wie kam es zum Big Bang? Das Babenberg-Universum als Schwarzes Loch entstammt der Kollision von Schwarzen Löchern des Universums und dem Schwarzen Loch im Hyperuniversum. […] Derzeit arbeite ich an einer Neukartografierung des Sonnensystems nach der Orbitaltheorie und an der Bestimmung der Dynamiken der Dunklen Materie […]

Die falschen Habsburger: Es handelt sich um osteuropäische Verbrecherbanden, die seit Jahrzehnten die Geschichte verfälschen und die Österreicher international wie Dummköpfe erscheinen lassen. […] Die falschen Hohenzollern: landesständige Hochstapler, sie bezahlen deutsche Privatsender für die Ausstrahlung von Berichten. […]

Euer Merkwürden!

Seid bedankt für die Überlassung dieses denkwürdigen Schriftsatzes. Anitzo scheinet es, dass Ihro erstaunlichen Forschungen zu Erkenntnissen gereichen, die Unsereiner sich nicht vorzustellen, geschweige zu verstehen anmaßet.

Spaß beiseite: Wir hatten vor Jahren schon einmal das Vergnügen (http://forum.blog.volksfreund.de/2010/12/10/der-kleine-prinz/). Echter Adel, falscher Adel – völlig gleichgültig. Es gibt keine Adligen mehr in deutschen Landen. Abgeschafft 1919 mit der Weimarer Verfassung, in Österreich mit dem „Gesetz über die Aufhebung des Adels, der weltlichen Ritter- und Damenorden und gewisser Titel und Würden“.

Keine Kaiser, keine Könige. Keine Fürsten, keine Grafen. Keine Hochwohlgeborenen, keine Durchlauchten. Die Adelsprädikate derer von und zu? In Deutschland x-beliebige Silben des bürgerlichen Namens, in Österreich verschwindibus. Zu bedeuten haben sie: nichts.

Und doch, irgendetwas macht kreuzbrave Republikaner anscheinend rattig, wenn die verbliebenen Blaublüter Europas techteln und mechteln, wenn sich in den Schlössern und Trutzburgen unerhörte Herz-Schmerz-Geschichten zutragen oder wenn, wie in diesen Tagen, die unverwüstliche Regentin der Briten uns mit ihrem Besuch beehrt.

Was für ein Bohei!

Die Frankfurter Allgemeine schmettert auf der Titelseite „God save the Queen!“ und bedichtet die „Grazie der erhobenen Hand, die Würde des Winkens“, die Elizabeth eigen sei.

„Jetzt sind wir Queensland!“, juchzt die Bild-Zeitung. Und: „We love you, Ma’am!“

Das Erste lässt den kultigsten aller Hofberichterstatter ran: Rolf Seelmann-Eggebert, der – noblesse oblige – die Freuden der Monarchie besingt, so fürnehm, wie feine Damen Tee trinken, mit abgespreiztem kleinen Finger. Ist das herrlich!

Die royale Volksbelustigung beschert gute Quoten. Es dürstet das Publikum nach Pomp und Pathos, nach Glanz und Gloria. Warum bloß? Tja, sagen die Forscher: Eskapismus, ein Gegenentwurf zur Trübnis des Alltags; angesichts von so viel Durcheinander, so viel Wahnwitz, so viel Zukunftsangst in der globalisierten und digitalisierten Welt braucht es eine archaische Institution wie den Adel, die Sinn stiftet, Trost spendet, Orientierung liefert. Strahlend, glitzernd, abgehoben von der jämmerlichen Gegenwart, dem Chaos, den Krisen. Fluchtpunkt der Zu-kurz-Gekommenen. Märchenhaft. Träumen Sie weiter …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

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