Selfie, Brelfie, Welfie

 „Ja, ja“, sagt das Känguru. „Das Tolle am Internet ist, dass endlich jeder der ganzen Welt seine Meinung mitteilen kann. Das Furchtbare ist, dass auch jeder es tut.“ (Zitat aus dem Bestseller Die Känguru-Chroniken. Ansichten eines vorlauten Beuteltiers von Marc-Uwe Kling)

Liebes Känguru,

was für ein hübscher Aphorismus. Es stimmt: Das Internet verändert alle und alles, und es ist spannend, das zu beobachten. Zum Beispiel das Phänomen der Selfies.

Krethi tut es. Plethi tut es. Der Papst tut es. Der amerikanische Präsident tut es. Affen tun es. Astronauten tun es. Sie strecken den Arm aus und grinsen ins Mobiltelefon. Klick, ein Selfie. Die wackligen Porträts laufen in sozialen Netzwerken rauf und runter. Etwa in Facebook, was wörtlich Gesichtsbuch heißt.

Okay, solche Bildchen, mit Selbstauslöser geschossen, gab’s schon vor hundert Jahren. Die schwarz-weißen Abzüge verschwanden meist im Familienalbum.

Heute drängt es Krethi und Plethi und den Papst … und zumindest einen Makaken-Affen, der für einigen Wirbel gesorgt hat, sich zu knipsen und das Resultat öffentlich auszustellen.

Was ist da los? Verrücktes Internet? Oberflächlich betrachtet ja. Così fan tutte, so machen es alle. Eitelkeit? Narzissmus? Exhibitionismus?

Der Selfie-Hype offenbart noch mehr: einen radikalen Kulturwandel. Die Gesellschaft, die Grundmuster des Zusammenlebens sind nicht mehr dieselben wie im analogen Zeitalter.

Wissenschaftler sagen: Selfies erfüllen eine Sehnsucht des Homo sapiens, die in den Genen steckt – sich der eigenen Existenz zu vergewissern und sich über das eigene Bildnis zu definieren. Das ist seit der Steinzeit so. Geschnitzt, geritzt, an Höhlenwände gemalt: Wer bin ich? Was bin ich? Bin ich überhaupt?

Als geschichtsbedürftiges Wesen muss der Mensch sich immer wieder erzählen, sich in Geschichten behaupten, um, so formuliert es der Schriftsteller Torsten Körner, „seinen Platz und sein Ich zu verteidigen“.

Selfies sind leicht herzustellen und zu verbreiten; sie erlauben Krethi, Plethi, dem Papst und all den anderen, selbst zu kontrollieren, wie sie rüberkommen.

Jeder kann für fünfzehn Minuten weltberühmt werden. Manche schaffen es für länger. Kim Kardashian und ihr Clan haben aus „Nichts oder Nichtviel“, wie der Spiegel neulich schrieb, einen eigenen Wirtschaftszweig geschaffen – aus prallen Oberweiten, prallen Hintern und viel Geplapper über Lippenvergrößerungen, Hochzeitskleider und Neureichtum. Fernsehen, Netzgedöns – die Dollars fließen in Strömen.

Nicole Ellison, Professorin an der Michigan State University, sieht die digitale Beziehungspflege als Pendant zur Fellpflege der Menschenaffen, die ihr soziales Netzwerk stärken, indem sie sich lausen, während wir die wechselseitigen Aufmerksamkeiten online austeilen: „Auf beiderlei Weise lässt sich der Kontakt zu einer großen Zahl von Artgenossen halten und so viel mehr Erfahrung und Inspiration gewinnen als nur im engen Freundeskreis.“

Warum Selfies so reizvoll sind, wäre also geklärt.

Längst kursieren Belfies (gezeigt wird nicht das Antlitz, sondern der Allerwerteste, aus butt = Hintern und Selfie).

Oder, höchst umstritten, Brelfies (stillende Mütter, aus breast = Brust und Selfie).

Und Welfies (verschwitzte Schnappschüsse aus dem Fitnessstudio, aus workout = Training und Selfie).

Nudies (Nackte), Drelfies (Betrunkene) … ja, sogar Kalfies sollen gesichtet worden sein (aus kangaroo = Känguru und Selfie). Oder war das bloß ein Traum?

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

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