Falsche Freunde

Frau L. aus der Eifel (will nicht namentlich genannt werden) schreibt öfters über dies und das, sie wünscht keine Veröffentlichung in der Zeitung. Es sei jedoch gestattet, eine ihrer Beobachtungen aufzugreifen:

Wenn ich Politiker in Talkshows Sätze sagen höre wie „Da bin ich ganz bei Ihnen“, graut es mir. Wer hat eigentlich diese dämliche Sprachwendung zum ersten Mal benutzt?

Liebe Frau L.,

vielen Dank für diese Vorlage. Das Phrasenschwein grunzt verzückt. Oink, oink!

Also, wo kommt das her? Dieser Schwulst: Da bin ich ganz bei Ihnen. Oder: Das macht doch, am Ende des Tages, nicht wirklich Sinn.

Die Quelle von derlei wichtigtuerischem Bläh-Deutsch ist: die englische Sprache.

I’m all with you on this one = Ich bin ganz Ihrer Meinung. Ins Kauderwelsch übersetzt: Da bin ich ganz bei Ihnen.

It doesn’t make sense to me = Das ergibt für mich keinen Sinn, das verstehe ich nicht. Ins Kauderwelsch übersetzt: Das macht nicht wirklich Sinn.

At the end of the day = letzten Endes, schließlich (eine Metapher). Ins Kauderwelsch übersetzt: am Ende des Tages.

Anglizismen! Entlehnt, vermurkst, schief übertragen – und schnell entlarvt als Floskeln. Finden sich hierzulande zuerst oft im Managersprech. Globalisierte Dampfplauderei. Klingt zupackend. Hey, Leute, seht her, hier steht der Boss, ein hemdsärmeliger Macher, der bei euch ist – muss ja wohl ein großartiger Typ sein, weltläufig und von nimmermüder Schaffenskraft.

Worthülsen, wie geschaffen für Politiker, die sich in Volksnähe üben. Sie machen, machen, machen – und stiften gleichzeitig Sinn. Wählerherz, was willst du mehr …

Mal im Ernst: Die Verteidigungsministerin schwadroniert in einer Rede, dass sie ganz bei uns sei. Wo denn? In der Kneipe? Am Schreibtisch? Im Bett? Iiih, Frau von der Leyen, nein, danke! Oder: Der Wirtschaftsminister verkündet, ein Konjunkturprogramm mache derzeit keinen Sinn. Ja, wie sollte es auch, Herr Gabriel? Ein Programm kann nichts machen, nichts produzieren, schon gar nicht Sinn. Ist in der deutschen Sprache nicht vorgesehen.

Da ist etwas zusammengewachsen, was nicht zusammengehört. Weil das englische to make nicht einfach mit dem deutschen machen gleichzusetzen ist. Linguisten nennen solche Übersetzungsfallen: false friends. Falsche Freunde.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.