Ehre, wem Ehre gebührt

Dr. Wilhelm Wendling aus Altenahr meint: Die Vergabe des Medizin-Nobelpreises an Alexander Fleming muss überprüft werden; denn hier hat die schwedische Akademie sehr schlecht und peinlich oberflächlich recherchiert. Ich lese in meinem Buch „Schlag nach – Natur“ (Lpz. Bibl. Inst. 1952, Seite 565): „1872 berichtet A.G. Poletebnow, dass Wunden nach Betäubung mit Sporenpulver von Schimmelpilzen schneller heilen und sieht damit die Heileigenschaften eines später ,Penicillin’ genannten Inhaltsstoffs der Schimmelpilze voraus.“ Dieses Kapitel Medizingeschichte – wenn auch peinlich für das Nobelpreis-Komitee – muss als Ehrenrettung für den wirklichen Entdecker überprüft werden.

Niemand traut sich, meinen Leserbrief zu veröffentlichen. Als Beleg füge ich die entsprechende Seite des zitierten Buches aus dem renommierten Verlag Bibliographisches Institut bei, wo man wohl ordentlich recherchiert.

Lieber Herr Dr. Wendling,

muss die Geschichte der populärsten Auszeichnung auf dem Planeten neu geschrieben werden? Ich will die Akademie nicht verteidigen, sie irrt sicherlich hie und da – so wie wir alle. Aber im Jahr 1945 ging es mit rechten Dingen zu, als Alexander Fleming zusammen mit Howard Walter Florey und Ernst Boris Chain „für die Entdeckung des Penicillins und seiner heilenden Wirkung bei verschiedenen Infektionskrankheiten“ den Medizin-Nobelpreis bekam.

Der Hintergrund: Fleming, ein schottischer Bakteriologe, hatte 1928 nach einer Panne bei Experimenten in seinem Labor die Zauberkraft des Schimmelpilzes erkannt, vor dem Londoner Klub für medizinische Forschung einen Vortrag über seinen Zufallsfund gehalten, die Sache aber nicht weiterverfolgt, weil sich niemand interessierte. Penicillin? Pah! Zehn Jahre später griffen Howard Walter Florey (Pathologe) und Ernst Boris Chain (Biochemiker) die fast vergessene Sensation auf und entwickelten ein marktreifes Medikament. Den Durchbruch bedeutete das freilich nicht. Für die teure Massenproduktion fehlten Geldgeber – bis es amerikanischen Militärs im Zweiten Weltkrieg dämmerte, dass Penicillin das Leben von Tausenden und Abertausenden verwundeter Soldaten retten könnte. Der Rest ist Legende.

Also, wer verdient den Nobelpreis? Fleming? Florey und Chain? Die Generäle der Army und Air Force? Oder doch die Nubier, die sich in grauer Vorzeit an einem Bier mit antibakteriellen Wirkstoffen berauschten? Oder die alten Ägypter, die Entzündungen mit Heiltränken versorgten, die sie aus Getreide gebraut hatten? Oder jene namenlosen Chirurgen, die seit der Antike schimmelige Lappen auf Wunden legten, um Infektionen vorzubeugen? Ein Blick in Wikipedia genügt, um weitere Kandidaten aufzutun: John Scott Burdon-Sanderson, der 1870 einen Zusammenhang zwischen Schimmelpilzen und Bakterienwachstum aufzeigte. Joseph Lister, der 1884 den Abszess einer Krankenschwester mit einem Penicillium-Schimmelpilz behandelte. Ernest Duchesne, der 1896 ein Meerschweinchen therapierte. In diese Reihe gehört wohl auch A.G. Poletebnow …

Wir lernen: Alexander Fleming erntete Ruhm und Ehre, weil er als Erster nachweislich das Penicillium notatum verwendete – und die Welt davon in Kenntnis setzte. Chapeau!

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

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