Mit Kanonen auf Spatzen

Klaus Erzig aus Newel schreibt zum Artikel „Falsche Post vom Finanzamt“ (13./14. September in einigen Lokalteilen erschienen):

Wo Menschen arbeiten, passieren hin und wieder Fehler. Wenn diese Fehler schwerwiegend sind, kann das unter Umständen sehr tragisch und folgenreich sein, und sie gehören auch angesprochen. Leichte Fehler lassen sich meist unproblematisch und ohne Folgen beheben.

Hier hat das Finanzamt versehentlich Herrn Karlo Kopper aus Osburg einen Brief mit persönlichen Unterlagen zugesandt, der nicht für ihn bestimmt war. So etwas darf natürlich nicht passieren. Es kann aber passieren, insbesondere bei immer größer werdendem Leistungsdruck und Stress durch immer umfangreichere und kompliziertere Gesetze und Arbeitsabläufe bei gleichzeitigem massiven Stellenabbau.

Die Sache wäre nun einfach und unbürokratisch aus der Welt zu schaffen gewesen, indem Herr Kopper der Bitte der oder des Bediensteten des Finanzamtes nachgekommen wäre, den Brief einfach an den Absender zurückzuschicken. Das war Herrn Kopper aber wiederum zu einfach und zu unbürokratisch. Er kommt dieser Bitte nicht nach, besteht auf einer schriftlichen Aufforderung und wendet sich gar an die Presse.

Und der Trierische Volksfreund greift die Sache dankbar auf und bringt sie nach Manier der Boulevardpresse in reißerischem Stil in der Zeitung. Für ein derartiges Verhalten sowohl von Herrn Kopper als auch des Volksfreunds habe ich keinerlei Verständnis. Hier wird versucht, sich auf Kosten eines Menschen, der einen Fehler begangen hat, hervorzutun.

Wenn Herr Kopper unbedingt will, dass sein Name in der Zeitung zu lesen ist, könnte er das zum Beispiel erreichen, indem er ein besonderes soziales Engagement zeigt.

P.S.: Ich bin nicht Bediensteter des Finanzamts.

Lieber Herr Erzig,

ich teile Ihre Kritik. Es gibt eine Tendenz in den Medien, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen. Dieser Fall gehört dazu.

Beim Finanzamt hat jemand einen Fehler gemacht. Nach allem, was wir wissen, einen einzigen Fehler. Steckt System dahinter? Nein. Wie viele Menschen sind betroffen? Zwei, vielleicht drei. Der Schaden? Minimal. Die Aufregung? Maximal.

Keine Affäre, nirgends. Nicht mal ein Affärchen. Man kann eine solche Schmonzette in der Zeitung erzählen – aber bitte ohne zu skandalisieren.

Dahinter steht eine grundsätzliche Frage: Wie kommen Journalisten an ihre Geschichten? Indem sie die Weltläufe beobachten, Neuigkeiten auftun, berichten. Zum Beispiel über Ereignisse, die der Kalender diktiert (die Wahl eines Oberbürgermeisters, ein Fußballspiel, eine Vernissage), also: öffentliche Angelegenheiten. Andere Angelegenheiten werden erst dank der Medien öffentlich. Politische Ränkespiele etwa, aufgedeckt von findigen Rechercheuren.

Den Anstoß für Enthüllungsstorys liefern oft Insider, die Journalisten mit Informationen füttern, neudeutsch: Whistleblower (Pfeifenbläser). Doch was ist wichtig, was ist nichtig? Was taugt zu einer Story, was nicht?

Was die Pfeifenbläser munkeln über den Sportmanager, der seine Millionen verjubelt haben soll? Und was sie Geheimnisvolles zu wissen glauben über die Trierer OB-Kandidaten?

Erst prüfen. Dann noch mal prüfen. Und noch mal. Dann veröffentlichen. Oder auch nicht. So manches vermeintliche Skandalon löst sich in Luft auf.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

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