Mediale Fressorgien

Krisen, Kriege, Katastrophen – derzeit mal wieder das dominierende Thema in den Medien, auf allen Kanälen, auch im Volksfreund. Die Reaktionen fallen unterschiedlich aus.

Die einen sagen: Bringt noch mehr Informationen, noch mehr Hintergrund, noch mehr Fakten über das Gemetzel in der Ukraine, im Gazastreifen und wo es sonst gerade kracht.

Die anderen sagen: Jetzt ist aber auch mal genug mit den täglichen Horrornachrichten …

Liebe Leserin, lieber Leser,

es ist die uralte Frage: Was ist wichtig, was ist nichtig?

Kriegsberichterstattung wird allgemein als wichtig eingeschätzt, seit Anbeginn der Tage. Wichtig für den Staat (Macht, Gerechtigkeit, Ideologie, Religion), für die Wirtschaft (Geschäft), für das Volk (Angst) …

Wer Kriege führt, versucht die Medien einzuspannen – um das Denken der Menschen, die diese Medien nutzen, zu manipulieren. Von Napoleon ist das Wort überliefert: „Drei feindliche Zeitungen sind mehr zu fürchten als tausend Bajonette.“

Kriegsberichterstattung, das heißt oft: ungesicherte Faktenlage, unklare Bewertungen, unbewusste (oder, ganz übel: bewusste!) Falschmeldungen.

Der mediale Aufruhr, den Kriege auslösen, das Bild, das wir uns von Kriegen machen, die Bedeutung, die wir Kriegen zuschreiben – all das hat mit der Evolution, der Struktur unseres Gehirns, der Psychologie zu tun.

In seinem bahnbrechenden Werk „Schnelles Denken, langsames Denken“ löst der Nobelpreisträger Daniel Kahneman (geboren 1934) das Rätsel, warum manche Ereignisse in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit finden, während andere kaum vorkommen: „Menschen neigen dazu, die relative Bedeutung von Problemen danach zu beurteilen, wie leicht sie sich aus dem Gedächtnis abrufen lassen – und die Abrufleichtigkeit wird weitgehend vom Ausmaß der Medienberichterstattung bestimmt. Häufig erwähnte Themen ziehen unsere Aufmerksamkeit auf sich, während andere aus dem Bewusstsein verschwinden. Andererseits entspricht das, worüber die Medien berichten, ihrer Einschätzung dessen, was die Öffentlichkeit gegenwärtig bewegt.“

Da das Interesse am leichtesten durch dramatische Ereignisse und Stars geweckt werde, seien mediale „Fressorgien“ weit verbreitet. Beispiel: Der Tod eines Superstars wie Michael Jackson sorge wochenlang für Schlagzeilen. Über wirklich relevante, aber langweilige Themen, die weniger herzergreifend sind, werde dagegen kaum berichtet.

Journalisten stürzen sich also auf emotional berührende Geschichten, weil sie zu wissen glauben, was die Öffentlichkeit packt und fesselt. Und die Öffentlichkeit glaubt zu wissen, dass die medial transportierten Themen die bedeutendsten sind. Ein Psycho-Kreislauf.

Die Tragödie um Flug MH 17 in der Ukraine (mit erschütternden Schicksalen), das Bombardement im Gazastreifen (mit erschütternden Schicksalen): jedes Opfer gezählt und beklagt, jede Theorie über Ursache und Wirkung erörtert, jeder Lösungsvorschlag diskutiert.

Aber kein Wort in den Medien über den Aufstand der Naxaliten in Indien (seit den 1960ern), kein Wort über den Casamance-Konflikt im Senegal (seit den 1980ern), kein Wort über den Unabhängigkeitskampf in West-Papua (seit den 1960ern). Und kein Wort über all die anderen vergessenen Krisen, Kriege, Katastrophen …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

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1 Kommentar

  1. Sehr geehrter Herr Reinhart,
    Ihre Kommentare gefallen mir schon wegen ihrer Sachlichkeit eigentlich immer. Aber Iher Meinung zu den „Medialen Fressorgien“ finde ich überragend, weil treffend der Kreislauf zwischen der „Erwartungshaltung“ einer weitgehend oberflächlichen Gesellschaft nach sensationellen Ereignissen – was man auch immer darunter verstehen mag, das kann auch das Liebesleben irgendwelcher Pseudostars sein – und dem journalistischen Zwang, schon wegen der Auflagenstärken oder Einschaltquoten über eben diese Ereignisse zu berichten angesprochen wird. Im Grunde ist es das alte „panem et circenses“ – wirklich schlimm wird es nur, und auch das sprechen Sie ja an, wenn Nachrichten so „gefärbt“ werden, dass sie den Konsumenten im Sinne bestimmter Interessen manipulieren.
    Hoffentlich wird Ihr wirklich lesenswerter Kommentar von möglichst vielen – auch Journalisten – zur Kenntnis genommen.
    Besten Gruß und machen Sie bitte weiter so
    Horst Maubach

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