Die besten Jahre

Gerhard Lenssen aus Bernkastel-Kues schreibt zum Beitrag „Wenn Opa das erste Smartphone bekommt“ (TV vom 11. Juli): Als ich den Artikel las, fragte ich mich: In welchem Zeitalter lebt eigentlich der Volksfreund? Da werden ältere Menschen als liebe, aber leicht vertrottelte Zeitgenossen dargestellt, denen man halt mit einfachen Worten versuchen möge, die Welt von heute zu erklären. Ich (91) kann Ihnen versichern, es geht auch anders.

Ich erwarte nicht, dass sich heutzutage ein Kind noch hinsetzt und dann auf mehrfaches elterliches Drängen mehr oder weniger begeistert schreibt: Lieber Großvater, wie geht es Dir? – Ich nutze WhatsApp und habe so mit Kindern, Enkeln und Urenkeln ständig Kontakt und bekomme sogar auch auf einfache Weise ständig mit, was sie umtreibt.

 Überhaupt, warum schreiben Sie „Opa“, das schöne deutsche Wort „Großvater“ ist anscheinend aus Ihrem Wortschatz völlig verschwunden? Ändern Sie sich!

Lieber Herr Lenssen,

vielen Dank für Ihre Mail. Respekt – und Entschuldigung! Das war gut gemeint, aber schlecht gemacht: Die Tonalität des Textes über angeblich tüttelige Technik-Opas ist herablassend und peinlich und gehört so nicht ins Blatt. Punkt. Mehr wäre nicht zu sagen. Ich will dennoch einige Gedanken und Beobachtungen anfügen, weil ich das Thema spannend finde.

Kleine Wortkunde: Der grôzvater ist, ebenso wie die grôzmuoter, seit dem 14. Jahrhundert nachzuweisen, als Alternative zu Ahn oder Ahne. Im 17. Jahrhundert ist Französisch en vogue, prompt erobern Mama und Papa die deutsche Alltagssprache, gefolgt von Großmama und Großpapa. Daraus entwickeln sich Omama und Opapa und schließlich Oma und Opa: Lallwörter, für Kleinkinder leicht zu artikulieren, dubidubidu.

Und heute? Großvater, Großpapa, Opa und die weiblichen Pendants gibt’s immer noch. Und dazu allerlei aufgeblähtes Zeugs, das sich Marketingleute ausgedacht haben. Bei den kaufkräftigen Alten ist viel zu holen, aber nur, wenn man sie nicht so nennt. Deshalb begegnen uns – dem Zeitgeist gemäß englisch klingend, in den angelsächsischen Ländern jedoch oft unbekannt – die merkwürdigsten Gattungsbegriffe: Generation Gold, Generation 50 plus, 3rd Generation, Best Ager, Silver Ager, Golden Ager, Third Ager, Mid-Ager, Master Consumer, Mature Consumer, Senior Citizens, Oldies, Goldies, Golden Oldies

Was für ein Mumpitz! Ganz ehrlich: Bevor wir anfangen, von Vor-Senioren (45 bis 50 plus), jungen Senioren (60 plus) und älteren Senioren (70 plus) zu schwafeln wie die Werbefritzen, bleiben wir lieber beim bewährten Opa(voller Hochachtung!).

Apropos Kosewort: Miroslav Klose, der erfolgreichste WM-Torschütze aller Zeiten, wird von seinen Mitspielern Opa gerufen – wegen seiner 36 Jahre.

Der eine oder andere Sportjournalist toppt das locker und glorifiziert den betagten Stürmer als Methusalem, jenen biblischen Urvater, Sohn des Henoch und Großvater von Noah, der im Alter von 187 Jahren Lamech zeugte und danach noch 782 Jahre lebte (und weitere Kinder in die Welt setzte) = mit 969 Jahren der älteste Mensch. Wenn Klose so lange kickt …

Warum nicht? Die neuen Alten sind anders drauf als die alten Alten. Damit die Enkel und Urenkel das begreifen, hat das Erste Deutsche Fernsehen die Pause des WM-Finals genutzt, um einen Werbespot zu zeigen: für den Film „Paulette – die etwas andere Oma“ (ausgestrahlt am Tag nach der Vollendung des Sommermärchens).

Mit einem taffen Mütterchen, das einen Drogenring aufzieht, herzhaft flucht („Leck mich doch am A…“) und lustvoll den Stinkefinger reckt. Vor der Glotze: 2,1 Millionen Kinder im Alter von drei bis 13 Jahren (Marktanteil 95,2 Prozent). Na, wenn die jetzt nicht verstanden haben, dass Oma und Opa nicht verkalkt sind, sondern cool, aber so was von cool …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

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