Schland, o Schland

Was für ein Deutsch. Oder besser: Nicht-Deutsch. Diese Fußballersprache. Schlimm, sagen einige Leser. Was manche Kicker so von sich geben und die Medien in O-Tönen transportieren, würde in jedem Deutschaufsatz ab 1. Klasse Grundschule angestrichen mit dem Vermerk „Ausdruck“. Und diese Fußballreporter erst. Sie könne es nicht fassen, dass ihre Enkel plötzlich so reden wie der ZDF-Mann Béla Réthy, berichtet eine Dame. Sinnlose Sätze, aneinandergereihte Substantive …

Liebe Sportsfreunde,

gut beobachtet: Die Weltmeisterschaft in Brasilien liefert bemerkenswerte Erkenntnisse.

Ich meine nicht die sportlichen Knalleffekte des Turniers (die Chance der weinerlichen brasilianischen Rumpelfüßler auf den Titel war von vornherein minimal, und dieses 1:7 gegen Deutschland, pah, so etwas passiert halt …).

Nein, viel erstaunlicher ist doch, dass und wie die Ballerei am Zuckerhut das Leben von Millionen und Abermillionen Menschen beeinflusst. Fußball ist Revolution, Fußball ist Religion, Fußball ist Politik, Fußball ist Big Business, Fußball ist Oper, Fußball ist Zirkus, Fußball durchdringt alle Schichten der Gesellschaft – ein globales kulturelles Phänomen.

Wie kommt’s? Die Welt ist komplizierter, das Zeitgeschehen verzwickter denn je. Oft blicken nur noch Fachleute durch, die Masse bleibt außen vor und kapiert nicht, warum der Flügelschlag eines Schmetterlings im Dschungel von Borneo ein Finanzdesaster an der Wall Street auszulösen vermag.

Ganz anders der Fußball: klare Regeln (das Runde muss in das Eckige), eindeutige Entscheidungen (Sieg oder Niederlage), große Leidenschaften (Triumph oder Trauer). Geschichten, die einen Anfang haben, ein Dazwischen, ein Ende. Hübsch der Reihe nach erzählt. Das sorgt für Identifikation, dazu braucht’s keine Vorbildung: Wir verstehen und fühlen mit, wenn wir die Freudentänze der Gewinner, die Tränen der Verlierer sehen. Und speichern magisch-mythische Momente für alle Zeiten im kollektiven Gedächtnis.

Die Sprache, in der diese Fußball-Geschichten überliefert werden, ist einfach – und trotzdem raffiniert. Weil sie, wie die Wissenschaft sagt, den Begriff unmittelbar mit der Anschauung verbindet und die Menschen mitnimmt. Zack, auf den Punkt.

Isch hab Rücken. Isch hab Vertrag. Krass-Deutsch. Migrantensprech. Schwuppdiwupp in den Medien, in den Köpfen, im Alltag. Schland, o Schland, die wundersame Kurzversion von Deutschland, angeblich vom Faxenmacher Stefan Raab ersonnen (und patentrechtlich geschützt), längst in aller Munde, demnächst im Duden. Oder, wieder aufgewärmt: Es müllert (für: Tore schießen wie Thomas Müller, früher Gerd Müller). Der Telegrammstil der Reporter: Verzicht auf lästige Artikel, der Geschwindigkeit des Spiels angepasst; ohne der, die, das dribbelt sich’s schneller.

Sprache verändert sich, so oder so. Ereignisse von Weltrang – ob Krieg oder Kick – und deren mediale Verarbeitung beschleunigen den Wandel, die Geburt neuer Wörter und Wendungen.

Wenn einer wie Béla Réthy vor dreißig Millionen Fußballguckern über die taktische Bedeutung der Doppel-Sechs referiert, die Brechstange auspackt, sich wegen einer Blutgrätsche schüttelt, wenn er salbadert, dass irgendwer die Fäden zieht, sich ein Herz fasst und mit langen Bällen operiert (aua!), dann wirkt das ebenso lächerlich wie nach. Es kriecht in die Hirne von dreißig Millionen …

Auf dem Kurznachrichtenkanal Twitter zwitscherte es am Dienstag wie in Alfred Hitchcocks Thriller „Die Vögel“: Zigmillionen Tweets, Zigmillionenfach Sinniges und Unsinniges zum legendären Halbfinalspiel unter dem Hashtag #BRAGER. Hä? Was’n das? Stichwort BRAsilien gegen GERmany. Pro Tor um die 500.000 Kommentare.

Und all die Selfies der Spieler, diese selbst geschossenen Fotos von Grinsegesichtern, die wie ein Tsunami die Netzwerke fluten. Oder die Mär von Mesut Özil, auf dem Platz zuletzt ein Mitläufer, auf Facebook der Renner und Selbstvermarkter und größte Popstar unter den deutschen Kickern.

Der Ball ist immer noch rund, das Spiel dauert (normalerweise) immer noch neunzig Minuten, der nächste Gegner ist immer noch der schwerste – und die Geschichten sind immer noch großartig. Daran schreiben allerdings nicht mehr allein die zweiundzwanzig Mann auf dem Rasen und ein paar Tausend Reporter mit. Sondern Millionen Beobachter gleichzeitig. Sie alle formen die Wahrnehmung, korrigieren sie womöglich. Und das ist erst der Anfang.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

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