Du blöder Goethe

Roland Brandel aus Trier meint zum Kommentar „Chef entscheidet“ von Dieter Lintz (TV vom 18. Juni): Kann es sein, dass sich der leitende Redakteur im Adjektiv („besch…“) geirrt hat?!

Lieber Herr Brandel,

nein, das war genau so beabsichtigt: drastische Wortwahl, um die unerfreuliche Lage von Trierer Theaterleuten zu beschreiben, deren Verträge wegen des Intendantenwechsels zuhauf gekündigt worden sind.

Aber muss es ein Bäh-Wort aus der Gosse sein? Skatologisch? Obszön? Eklig?

Zugegeben, derlei ist in der Zeitungssprache ungewöhnlich. Ein Blick ins Archiv offenbart jedoch: Vulgär-Jargon findet sich immer öfter in Zitaten von Sportlern, Politikern und – hört, hört! – Kulturschaffenden. Da wird geflucht, geschimpft, gelästert, dass die Schwarte kracht.

Unflätigkeiten in den Werken honoriger Wortkünstler, das hat Tradition: Die alten Griechen machten sich einen Spaß daraus, schmutzige Reden zu führen – die Aischrologie als rhetorischer Kniff. Luther schaute dem Volk „aufs Maul“, Shakespeare kontrastierte gediegenen höfischen Girlanden-Sprech mit deftigen Ferkeleien. Und Goethe ließ seinen Götz granteln, vor Ihro Kaiserlicher Majestät habe er, wie immer, schuldigen Respekt. Er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsch lecken …

Überhaupt, der deutsche Dichterfürst: Im vorigen Jahr ergötzte (sic!) der zotige Spielfilm „Fack ju Göhte“ sieben Millionen Kinobesucher. Und neuerdings verbreitet sich auf Schulhöfen angeblich ein aberwitziges Schimpfwort: du blöder Goethe.

Hmm. Verfall aller Werte? Untergang des Abendlandes? Befördert durch gedankenlose Schreiberlinge, die solch erbärmliches Allotria auch noch medial vervielfältigen? Gemach. Die Wissenschaft hat festgestellt, dass die Gossensprache salonfähig wird. Das kann man bedauern oder nicht: Es ist so.

Die meisten Deutschen stört es kaum noch, wenn ihnen im (Medien-)Alltag „schlimme“ Wörter begegnen. Mit dem Bildungsgrad hat das nichts zu tun: Menschen mit Abitur und Studium verwenden derbe Flüche und Kraftausdrücke häufiger als diejenigen mit einfacher Schulbildung (so das Ergebnis einer Allensbach-Studie). Sapperlot!

Obszön oder originell: Ob ein Tauchgang in die modrigen Tiefen des Wörtersees mit Schnappatmung endet, entscheidet jeder Leser selbst. Es gibt keine Norm, keinen Index – nur ein Gefühl dafür, was sich ziemt und was nicht. Und einen Wertekanon, der sich ständig ändert (siehe Jugendsprache mit dem bewussten Ziel der Provokation und Abgrenzung von den Altvorderen).

Was die einen amüsiert, regt die anderen auf. Zwei Beispiele aus dem Alltag: Ein Studiendirektor a. D. beklagt sich, weil ein Leitartikler die Lehrer als „Pauker“ bezeichnet hat. Huch, welch Abgrund! Eine Dame will die Zeitung nicht mehr lesen, weil auf Seite eins „gemüllert“, also: über die Weltmeisterschaft berichtet wird. Grauslige Fußlümmelei, ordinär und primitiv.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Vulgär-Vokabular in der Zeitung ist und bleibt die Ausnahme, geht selten als Stilmittel in Texten durch oder wenn ein O-Ton zu transportieren ist. Solange das nicht überhandnimmt, sage ich, was ich sonst nie sage: drauf gesch…

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

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