Unter Verdacht

Nele Bednarczyk aus Daun schreibt zum Artikel „Wegen Missbrauchs verdächtigter Dauner Polizist schulte jahrelang Kinder“ (TV vom 30. Mai):

In diesem Fall gibt es zum jetzigen Zeitpunkt wenig Sachliches zu berichten. Wie im oben genannten Text erwähnt, besteht bislang ein Missbrauchsverdacht, und es liegen keine eindeutigen, weiteren Hinweise in dieser Sache vor. Es ist daher wenig hilfreich, wenn in einer so sensiblen und ernstzunehmenden Situation, an der das Schicksal einiger Menschen hängt, ein Artikel veröffentlicht wird, der einseitigen Spekulationen Vorschub leistet.

Ein Zeitungsbericht sollte um objektive Darstellung und Information der Leser bemüht sein. Was weiß man aber tatsächlich nach der Lektüre des Artikels? Man weiß, dass angeblich „in der Vulkaneifel das Entsetzen“ herrscht, was in dieser Form sachlich nicht stimmt. Es gibt zum Beispiel auch sehr viel Mitgefühl und Solidarität für Betroffene und deren Umfeld. Ich empfinde als Leserin eher ein Unbehagen im Bezug auf die zum Teil reißerische Art und Weise der Berichterstattung und würde mir mehr Seriosität von einer Zeitung wünschen. Meiner Meinung nach ist hier mehr Sachlichkeit und Verantwortung angesagt.

Liebe Frau Bednarczyk,

vielen Dank für Ihre Zuschrift. Ich verstehe Ihre Betroffenheit. Ein Polizist, der unter Missbrauchsverdacht steht – das lässt niemanden kalt und wirft Fragen auf. Fragen, die beantwortet werden müssen. Und die auch Journalisten vor Herausforderungen stellen: Was kann, was darf, was muss berichtet werden? Wo ist die Grenze zwischen dem Schutz der Privatsphäre von mutmaßlichem Täter/Opfer und dem öffentlichen Interesse?

All das ist emotional und für die Betroffenen und ihr Umfeld belastend. Umso wichtiger ist es, sorgfältig abzuwägen. Keine Vermutungen, keine Spekulationen, keine Vorverurteilungen. Sondern Fakten, Fakten, Fakten.

Chefreporter Rolf Seydewitz hat das Drama zurückhaltend aufgeschrieben. Sein Text beruht auf der Pressemitteilung des Trierer Polizeipräsidiums. Ergänzt um die Recherche, dass der Fall im Vulkaneifelkreis Verunsicherung und Entsetzen ausgelöst hat. Weil der Polizist, der jetzt in Untersuchungshaft sitzt, als Verkehrserzieher über Jahrzehnte Kontakt mit Tausenden Kindern hatte. Was wäre wenn, fragen sich viele Eltern …

Unsachlich? Unseriös? Reißerisch? Nein, das ist der Artikel keineswegs. Nicht grell und auf billige Art wirkungsvoll, wie der Duden das abwertende Schlagwort definiert. Woanders finden sich Umschreibungen wie aggressiv, laut, aufreizend, aufdringlich, überspitzt, überzogen, plakativ, knallig, widerlich, taktlos, zudringlich, unverschämt und dergleichen.

Reißerisch wäre es, das Privatleben des Beschuldigten auszubreiten. Mit Fotos seiner Familie. Und der Aufzählung von ekligen Details aus den Kinderpornos, die angeblich auf seinem Computer entdeckt worden sind. Unter einer Überschrift, in der Wörter wie „Sexbestie“ vorkämen. Marktschreierisch aufgemacht mit fünf Zentimeter hohen Balkenlettern.

Bitte bedenken Sie: Nicht der Volksfreund ermittelt wegen Missbrauchs, sondern Staatsanwaltschaft und Polizei. Nicht der Volksfreund urteilt über Schuld und Sühne, sondern die Justiz. Die Zeitung berichtet. Abgeklärt und unaufgeregt wie sonst auch.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Veröffentlicht inAllgemein

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1 Kommentar

  1. Sehr geehrter Herr Reinhart, sehr geehrter Herr Seydewitz,
    „Fakten, Fakten, Fakten“ – diesen Slogan habe ich von einem anderen Magazin im Kopf. Ein Heft, das nach meinem persönlichen Empfinden nicht unbedingt als seriös einzustufen ist sondern eher als reißerisch. Nun gehe ich davon aus, dass der TV in der genannten Causa nicht die Absicht hat nach Schlagzeilen zu haschen.
    Sorry, wenn es um Ihre Berichterstattung geht, dann muss ich mich der Meinung von Nele Bednarczyk anschließen.
    Mit besten Grüßen

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