Verdammt noch mal

Horst Schmitt aus Trier schreibt: In der TV-Ausgabe vom 13. April las ich mit großer Aufmerksamkeit die Nachricht über die Neueröffnung des Bordells in der Karl-Benz-Straße in Trier. Der Artikel war nicht zu übersehen. Der Wichtigkeit des Ereignisses entsprechend hatten Sie dafür den „Aufmacher“ der Lokalseite gewählt, verbunden mit einem schönen großen Foto.

Dafür möchte ich Sie ausdrücklich beglückwünschen. Große Ereignisse müssen auf gebührende Weise gefeiert werden.

Besonders erfreulich war zu lesen, dass das Unternehmen nun nicht mehr von Menschen geführt wird, die des Menschenhandels verdächtigt werden, und dass es jetzt durchaus Frauen gibt, die aus mehr oder weniger freien Stücken dort arbeiten.

Da ist die Werbung, die Ihr Artikel für die Popp-Oase darstellt, mehr als notwendig.

Dankbar habe ich zur Kenntnis genommen, dass Sie neben der Anschrift auch über die Preise für den Drei-Stunden- und den 24-Stunden-Aufenthalt unterrichten. Vermisst habe ich dagegen eine Angabe über die Preise der Getränke und der Voll- beziehungsweise Halbpension. Ich möchte Sie bitten, das bei der nächsten Gelegenheit nachzuholen.

Lieber Herr Schmitt,

vielen Dank für Ihre Mail und die interessanten Beobachtungen. Werbung für die Popp-Oase? Eine mediale Feier des Etablissements? Mit Verlaub, ich habe das anders gelesen – als nüchternen, sachlichen Beitrag über eine gesellschaftspolitisch relevante Sauerei, die wir nicht aus der Welt schaffen, indem wir sie ignorieren. Sondern draufzeigen, informieren, aufklären.

Richtig, da steht, dass der Skandalpuff im Trierer Norden wiedereröffnet hat. Und was das überhaupt ist, ein Flatrate-Bordell. Macht zwanzig Zeilen. Es folgen hundertdreißig Zeilen: Verdacht des Menschenhandels, Zwangsprostitution von jungen Frauen aus Rumänien, Bulgarien und Ungarn, Großrazzia der Polizei, Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, Untersuchungshaft für fünf Beschuldigte, die Hilflosigkeit der Verantwortlichen der Stadt Trier …

Wenn das Werbung ist, dann ist alles Werbung.  Es gibt diese Theorie. Man kann das so sehen, durchaus. Und schlüssig begründen. Der Fotograf Oliviero Toscani (bekannt geworden durch seine provokativen Kampagnen für Modemarken mit Bildern von Aidskranken oder Magersüchtigen) sagt: „Die Bibel ist Werbung, die Sixtinische Kapelle ist Werbung für eine Religion, alle Gemälde von Leonardo, alle Gemälde von Caravaggio, alle Gemälde von Michelangelo wurden für die Kirche hergestellt, um Werbung für Religion zu machen. Auch die Bilder in den Zeitungen machen Werbung – für die Macht der Politik.“

Ja, da ist etwas dran. Der Bericht über die Regierungserklärung der Kanzlerin: Werbung. Der Artikel über den FC Bayern München: Werbung. Die Besprechung der Opernpremiere im Trierer Theater: Werbung. Das Foto von der Mitgliederehrung des Männergesangvereins: Werbung. Alles ist Werbung. Und wenn ich schreibe, dass ich das Treiben in der Popp-Oase widerlich, ekelhaft, zynisch und menschenverachtend finde, ist das, verdammt noch mal, leider auch: Werbung.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

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