Oma Finchens Wundertüte

Hanns-Georg Salm aus Gondenbrett schreibt: Sehr geehrte Redaktion, wissen Sie, was Ihrer Zeitung fehlt? Ein fester Platz für Informationen der Landesregierung und des Landtags aus Mainz.

Wer gegenwärtig Vorgänge, die in Mainz ihren Ursprung haben, konsequent verfolgen möchte, der muss erst einmal auf die Suche gehen. Alles, was in Mainz geschieht, steht in Ihrer Zeitung bunt gestreut zwischen anderen Meldungen, und man kann sich glücklich schätzen, wenn man in diesem bunten Strauß von Neuigkeiten nichts übersieht.

Dabei habe ich den Eindruck, dass Landtag und Landesregierung, die in der Regel erst kurz vor der Wahl wieder aktuell werden, absichtlich oder rein zufällig über Monate dem beobachtenden Blick des Wählervolks entzogen sind.

Ich schreibe Ihnen das aus aktuellem Anlass: Meine Beschwerde vor dem Verfassungsgerichtshof bezüglich der Bevorzugung von Frauen bei der bevorstehenden Kommunalwahl durch einen unzulässigen und die Wahl beeinflussenden Aufdruck hat sich offensichtlich verselbstständigt. Den Kommentar von Frank Giarra „Vor und hinter den Kulissen“ (TV vom 22./23. März, Seite 4) kann nur verstehen, wer die Entwicklung dieses parlamentarischen Hickhacks genauestens verfolgt hat. Die Äußerung von Julia Klöckner (CDU), der Verfassungsgerichtshof werde in dieser Frage als „Gutachter“ missbraucht, zeigt, dass sich auch die CDU-Vorsitzende – wie so oft – nicht erschöpfend mit dem Gesamtvorgang beschäftigt hat.

Als ich vor Monaten meine Beschwerde einreichte, da hatte sich noch keiner mit dem Aufdruck beschäftigt, auch nicht die Oppositionspartei, die wohl erst kürzlich aus ihrem Dornröschenschlaf erwachte. Ich hingegen fühlte mich von dieser unzulässigen Beeinflussung persönlich betroffen und beschwerte mich.

Nun sind CDU und sogar die Landesregierung selbst auf diesen Zug aufgesprungen und müssen wohl, da die Zeit drängt. Ich verstehe die jetzt entstandene Hektik überhaupt nicht, da ich bereits im November 2013 den Landeswahlleiter mehrfach auf die Unzulässigkeit des Aufdrucks hingewiesen hatte.

Meiner Mitteilung merken Sie jedoch unschwer an, dass ich unsicher geworden bin. Dies liegt einzig und allein an mangelnder Information: Der Landtag fand es nicht für nötig, mich auf meine Post hin zu informieren, der Verfassungsgerichtshof spielt den Beleidigten, weil ich mich gegen unwahre Behauptungen zur Wehr gesetzt habe und ging wortlos zur Funkstille über.

Sie berichten im Volksfreund zaghaft und bisweilen verdeckt. Wer vermutet denn schon unter der Überschrift „Vor und hinter den Kulissen“ eine wichtige Nachricht zum eigentlichen Vorgang?

In der Hoffnung, dass Sie am Ende nicht auch noch schmollen und mir nichts anderes übrig bleibt, als mich mit Millionen anderen Wählern am 25. Mai in der Wahlkabine überraschen zu lassen.

Lieber Herr Salm,

vielen Dank für Ihre Hinweise zur juristischen und politischen Bewertung der Wahlzettel-Affäre und zur Berichterstattung im Volksfreund. Ich greife einen Punkt heraus, der ab und an (zu Recht) kritisiert wird: die Themenverteilung in der Zeitung.

Sie haben genau wie ich und vermutlich die meisten Leser eine Erwartung: Wir wollen uns im Blatt mühelos zurechtfinden. Dazu braucht es Struktur und System, Routinen und Rituale.

Die wichtigsten Nachrichten gehören auf die Titelseite, das Wetter steht immer an derselben Stelle im Lokalteil, dahinter fängt der Sport an, es folgen Kultur und das Vermischte.

So weit, so gut: Schubladen, auf denen ein Etikett klebt, das ungefähr verrät, was drinsteckt. Berechenbar. Gewohnt. Zuverlässig. Eine bewährte Methode.

Aber! Die Geschichten sind mitunter zu groß, zu bedeutend für die ihnen zugedachte Schublade. Was tun? Einfach reinquetschen, in der Gewissheit, dass allerlei Wissenswertes verloren geht? Oder einen anderen, besseren Platz organisieren, der es erlaubt, die Dinge in voller Pracht auszubreiten?

Statt der klassischen Ressorts Politik Außen, Politik Deutschland, Politik Rheinland-Pfalz … gibt es im Volksfreund die „Themen des Tages“.

Der Vorteil: Lieber eine ganze Seite drei zum Gezeter und Gezerre um den Nürburgring-Verkauf als ein mittelgroßer Zweispalter auf der sechsten Seite.

Lieber eine ganze Seite drei über das Drum und Dran im Hoeneß-Prozess als ein eingedampftes Stück im Sport.

Lieber eine ganze Seite drei zum Vor und Zurück der Krim-Krise als eine Meldung irgendwo Jot weh deh.

Der Nachteil: Nürburgring, Hoeneß, Krim sind bisweilen nicht da, wo man sie vermutet.

Meine Oma Finchen hat immer gesagt: Ordnung ist das halbe Leben – woraus mag die andere Hälfte bestehen?

Die Antwort: Überraschung! Mal eine Schublade öffnen, in der nicht das Bekannte, Vertraute, tausendfach Gehörte und Gesagte liegt. Auch das ist Zeitung: Prinzip Wuntertüte! Ein Prinzip, das Langeweile verhindert.

Deshalb: gute Sortierung, leichte Orientierung ja, unbedingt, unverzichtbar – aber nicht stur und steif und bürokratisch, bloß weil ein bestimmtes Etikett auf einer bestimmten Schublade pappt. Sondern flexibel, variabel.

Wie eine Fußballmannschaft, die ihre Taktik ändert, wenn es die Spielsituation erfordert. Elegantes Tiqui-Taca oder rustikales Kick-and-rush? Kann je nach Lage den Sieg bringen. Man muss es halt ausprobieren. Wohlwissend, dass nicht jeder Schuss ein Treffer ist – und nicht jede Zeitungsausgabe ein Kandidat für den Pulitzer-Preis. Wir arbeiten daran.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

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