Übelkrähen und Schmutzfinken

Herr M. aus Trier beklagt „die negative Grundhaltung“ der Redaktion: Bischof, Bürgermeister, Böhr, Billen … immer wird alles runtergemacht. Ich habe manchmal das Gefühl, dass Ihre Reporter erst dann zufrieden sind, wenn sie etwas Schlimmes zu berichten haben, selbst wenn sich oft herausstellt, dass es nur „Fliegenschiss“ ist.

Lieber Herr M.,

ich versichere Ihnen: Wir suchen nicht gezielt nach schlechten Nachrichten, um miese Stimmung zu verbreiten und die Leser zu erschrecken. Sondern bilden die Welt ab, wie sie ist, beschreiben, was sich ereignet und erklären, warum es passiert.

Für missliebige Mitteilungen wird traditionell der Bote abgewatscht, nicht der Verursacher – ein uralter menschlicher Reflex. Dazu einige Gedanken und Zitate, ohne weiteren Kommentar:

„Apollon lernte Koronis, die Tochter des Königs Phlegyas von Orchomenos beim Bade im Boibeis-See in Thessalien kennen. Er verliebte sich in sie. Da sie von ihm ein Kind erwartete, sandte er zu ihrer Bewachung einen wunderschönen weißen Singvogel. Koronis wurde Apollon untreu und betrog ihn mit dem sterblichen Arkadier Ischys, Sohn des Elatos. Der Vogel meldete dies sofort seinem Herrn. Apollon wurde wütend und bestrafte den Überbringer dieser schlechten Botschaft. Er veränderte die Farbe des Vogels in Schwarz, verdammte das arme Tier zu krächzen anstatt zu singen und fortan bevorstehendes Unheil anzuzeigen. Seither trägt dieser Vogel auch den Namen der Untreuen: Corvus corone corone – die Rabenkrähe.“ (Aus dem Lexikon der antiken Mythen und Gestalten)

„In Deutschland gilt derjenige als viel gefährlicher, der auf den Schmutz hinweist, als der, der ihn gemacht hat.“ (Carl von Ossietzky, 1889-1939, Journalist, Schriftsteller, Pazifist)

„Wissen Sie, was die alten Griechen mit Überbringern schlechter Nachrichten gemacht haben?“ – „Nein.“ – „Sie haben ihnen den Kopf abgeschlagen.“ – „Na und, das hat auch nichts geändert.“ – „Nein, aber sie haben sich besser gefühlt danach.“(Dialog aus dem Spielfilm „Blood Simple“, 1984)

„Die Gesellschaft, die in jene Falle geht, die als ,Bestrafung des Überbringens schlechter Nachrichten’ bekannt ist, wird schnell merken, dass es nicht nur keine Überbringer mehr gibt, sondern dass es überhaupt keine Nachrichten mehr gibt.“ (Edward Snowden, Geheimdienst-Enthüller, 2013)

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

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