Kein Ponyhof im Rotlichtviertel

Benjamin Sonnenschein aus Trier schreibt: Das Thema ist mir schon mehrere Male aufgefallen, doch heute (TV vom 12. November) möchte ich es einfach gerne mal loswerden. Ihr „Für Kinder“-Artikel im Teil „Aus aller Welt“ auf Seite 32 ist meiner Meinung nach völlig falsch platziert.

„Bandmitglied tötet drei Musiker und sich selbst“, „Rasierer fällt in Wanne: zwei Kinder sterben“, links die nackte Brigitte Nielsen und mittendrin der Artikel für Kinder. Ich bin mir sicher, das Ganze lässt sich auch so umorganisieren, dass Kinder, wenn sie es lesen, nicht mit Tod und Sex konfrontiert werden, denn immerhin sollen diese Artikel die Jüngeren ja zum Zeitungslesen animieren. Wenn sie das aber genau an der Stelle tun, wo der Artikel für Kinder ist, bekommen sie in diesem und einigen anderen Fällen nur Nachrichten, die völlig ungeeignet für Kinder sind.

?Lieber Herr Sonnenschein,

vielen Dank für Ihre Zeilen. Ja, das stimmt: gut gedacht, nicht gut gemacht. Sex & Crime & Kinder – eine problematische Gemengelage, die sich mit etwas Fingerspitzengefühl beim Verteilen der Themen entschärfen lässt. Will sagen: Wenn es eklig oder schmuddelig wird, bleiben die Kleinen besser draußen.

So weit die Theorie. Jedoch: Das Leben ist kein Ponyhof. Achtzig Prozent der Sechs- bis Zwölfjährigen sitzen täglich vor dem Fernseher, oft stundenlang, oft allein: mit lustigen Zeichentrickfilmen, aber auch mit Bildern und Berichten über schreckliche Dinge. „Böse“ Nachrichten auszublenden und zu hoffen, dass Kinder nichts davon mitbekommen, wäre naiv angesichts der allgegenwärtigen medialen Berieselung. Umso wichtiger ist es, das Zeitgeschehen, die Welt zu erklären, Wissen zu vermitteln, die typischen „Warum?“-Fragen zu beantworten. So, dass Kinder es verstehen. Lesen macht schlau.

Wie lässt sich das in der Zeitung bewerkstelligen? Konzentriert auf einer Seite? Oder überall im Blatt, wo die Themen sowieso verhandelt werden? Wir haben nach reiflicher Überlegung die zweite Variante gewählt. Weil uns das in die Lage versetzt, jedes Ereignis, egal ob vor der Haustür oder irgendwo auf dem Globus, aktuell für Kinder aufzubereiten.

Von enormer Bedeutung: die Platzierung, das Drumherum. Auf den Welt-Seiten kracht’s, hier stapeln sich an manchen Tagen die Nackten und die Toten, hier tanzen Durchgeknallte um brennende Mülltonnen. Für die Redaktion heißt das: Vorsicht! Nachrichten für Kinder ja, Schocktherapie nein. Leseabenteuer ja, Alpträume nein. Also: keine zuckersüßen Ponyhof-Geschichten inmitten von Horrormeldungen! Keine Bonbons, die Kinder in Rotlichtviertel oder Leichenschauhäuser locken!

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

 

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