Alles klar? Hurra!

Eine komische Kolumne + zwei merkwürdige Wörter = drei spannende Zuschriften:

Erwin Müller aus Föhren meint: Wer seit Jahren die samstägliche Kolumne „Moien!“ Ihres Mitarbeiters Arne Langner auf der Luxemburg-Seite aufmerksam verfolgt hat, dem wird nicht entgangen sein, dass dieser Autor ziemlich „links gestrickt“ ist, was allerdings sein gutes Recht ist. Was dieser Herr sich aber am 2. November geleistet hat, kann nicht unwidersprochen bleiben.

Wenn er seine Kolumne über „Gewinner und Verlierer“ der Wahl in Luxemburg mit den Worten beendet, dass Liberale, Sozialisten und Grüne jetzt „ein neues Luxemburg schaffen wollen. Ein modernes Land! Eines, das nach vorne blickt! Hurra!“ – und mit drei Ausrufezeichen versieht –, dann darf der Leser wohl zu Recht am TV-Untertitel „überparteilich“ zweifeln.

Warum die Redaktion diesen Ausrutscher durchgehen ließ, bleibt wohl ihr Geheimnis.

Lieber Herr Müller,

vielen Dank für Ihre Zeilen. Die Unabhängigkeit der Zeitung ist nicht in Gefahr, denn:

  • Kommentare, Kolumnen, Glossen sind Meinungsbeiträge, als solche gekennzeichnet (hier das Format „Moien!“) und immer wertend, zugespitzt, persönlich. Ich (der Autor) meine, dies oder jenes ist gut (oder schlecht) und ergreife Partei (so wie zum Beispiel auch jeder Leserbriefschreiber). Über das Für und Wider der Argumentation, über die Meinung lässt sich trefflich streiten.

Im Gegensatz dazu: die Nachricht, ausgewogen recherchiert, sachlich formuliert, neutral transportiert. Sie sagt, was ist. Ohne Wertung. Überparteilich. Keiner Interessengruppe verpflichtet.

  • Ein Stilmittel, dessen sich Meinungsbildner gern bedienen, ist die Ironie. Doppeldeutigkeit, Verstellung, Vortäuschung. In den Rhetorik-Lehrbüchern heißt es: Die einfachste Form der Ironie besteht darin, das Gegenteil von dem zu sagen, was man meint. Alles klar? Hurra!

Gerlach Pfeiffer aus Kirchweiler schreibt zu verschiedenen Veröffentlichungen: Eine „Reichspogromnacht“, wie im Volksfreund mehrfach zu lesen, hat es nie gegeben! Die Wahrheit ist, dass es eine „Reichskristallnacht“ gab! Sie mögen meinetwegen die Ereignisse am 9./10. November 1938 „Pogromnacht“ oder „Pogrom-Gedenktag“ nennen, die Bezeichnung „Reichspogromnacht“ ist jedoch Geschichtsklitterung.

Lieber Herr Pfeiffer,

ein wichtiger und richtiger Hinweis! Seit Jahrzehnten ringen die Historiker um das korrekte Wort für die Pogrome vom 9./10. November 1938. Der Wikipedia-Eintrag zum Thema listet Dutzende Begriffe auf. Die Opfer sprachen damals von „Rath-Aktion“, „Mordwoche“, „Grünspan-Affäre“, die Nazis von „Nacht der langen Messer“ und „Judenaktion“. Der Ausdruck „Kristallnacht“ (wegen der vielen zerbrochenen Fenster der Synagogen und Geschäfte) ist wohl im Berliner Volksmund geprägt worden; Regimegegner packten ein „Reichs-“ davor und verspotteten den inflationären Gebrauch der Vorsilbe in der Hitler-Diktatur. Doch die beißende Satire verlor rasch ihre Wirkung, weil die Nazis den Begriff vereinnahmten und sich damit brüsteten, ihre „Säuberungsaktion“ werde als „Reichskristallnacht“ in die Geschichte eingehen.

Nach dem Krieg kursierten Vokabeln wie „Judennacht“, „Tag der deutschen Scherbe“ oder „Reichstrümmertag“, sie sind längst verschwunden. Die „Reichskristallnacht“ hat sich gehalten und wird umgangssprachlich noch immer verwendet. Das liegt, vermuten Wissenschaftler, an den drei „griffigen“ Komponenten: „Reichs-“ als Hinweis auf das propagandistisch bemäntelte Verbrechen, „Kristall“ als ironische Bezeichnung für die Zerstörung, „Nacht“ als Metapher für politische Finsternis (nach Wikipedia). Weil der ursprüngliche Ansatz sich verflüchtigt hat, gilt die „Reichskristallnacht“ Kritikern längst als böswillige Verharmlosung. Ähnlich verhält es sich mit der ersatzweise konstruierten „Reichspogromnacht“.

Neuerdings findet sich häufiger die Bezeichnung „Novemberpogrom(e)“ – eine gute Wahl, meine ich. Das eine, unbelastete und allgemein akzeptierte Wort für die grausigen Ereignisse gibt es jedoch nicht. Noch nicht.

Nikolaus Pax aus Ferschweiler: Vermehrt liest man in letzter Zeit im TV, aber auch in anderen Zeitungen oder Zeitschriften: Er oder sie hat sich gekümmert, er oder sie kümmert sich … Haben wir nicht mal im Deutschunterricht gelernt, dass man sich um etwas oder jemanden kümmert?

Das hieße dann wohl: Er oder sie hat sich um dies oder jenes gekümmert. Können einige Leute sich nicht mehr richtig ausdrücken, womöglich ist diese Ausdrucksweise schon im Duden aufgenommen, oder befinde ich mich auf dem Holzweg? Würden Sie mich bitte aufklären beziehungsweise: Können Sie sich kümmern?

Lieber Herr Pax,

das haben Sie exzellent beobachtet: Beim Kümmern bleibt immer öfter das Objekt auf der Strecke. Wie kommt’s?

Ein Kümmerling ist ein schwaches, zurückgebliebenes Gewächs oder Tier, ebenso ein Kümmerer. Kann aber auch, zweite Bedeutung, ein Mensch sein, der sich kümmert, mit Vorliebe um jemanden oder etwas.

Ein bekümmerter Kümmerer kümmert sich um kümmerliche Kümmerlinge. Oder so. Immer reflexiv (mit „sich“) und mit Präpositionalobjekt (beantwortet die Frage: um wen oder was?). Das ist die reine Lehre – um die sich viele Sprachnutzer aber nicht kümmern. Und so dräut dem guten alten Objekt im kreativ-hippen Szene-Medien-Werber-Sprech gar Schlimmes: Es verkümmert.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

 

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