Von Fuschersleuten und Zeitdieben

Kurz und gut – vier Zuschriften aus den vergangenen Wochen:

?Harald Guggenmos aus Zeltingen-Rachtig schreibt zur Kolumne „Es irrt der Mensch, solang er strebt“ (TV vom 9. Oktober):

Guten Tag, Herr Reinhart, was mich ärgert, ist die Selbstdarstellung in Ihren Antworten auf die TV-kritischen Leserbriefe. Es ist eigentlich gleich, welches Thema von den Lesern aufgegriffen wird, Sie versuchen stets eine Rechtfertigung. Ich sehe nicht, dass Sie die Kritik annehmen und daraus für die Zukunft Konsequenzen ziehen. Das Beispiel der Orthografie unserer Ministerpräsidentin ist hervorragend geeignet, diese Ihre Einstellung zu belegen.

Am Ende Ihrer Ausführungen entnehme ich nur, dass es schön war, darüber gesprochen/geschrieben zu haben; aber alle anderen Zeitungen machen es ja auch so, und deswegen wird der TV so weiter agieren. Zudem finde ich es nicht gut, dass Sie mittwochs und samstags bis 40 Prozent der Leserbriefseite mit Ihren Kommentaren füllen und die eingehenden Leserbriefe aus Platzgründen kürzen, wo Sie doch die ganze Woche über mehr als 30 Seiten für Kommentare und Hinweise im redaktionellen Teil der Zeitung verwenden könnten.

?Lieber Herr Guggenmos,

vielen Dank für Ihre Mail. Dazu wäre manches zu sagen, aber bitte … „Also schweigen wir! Damit es nicht so aussieht, als würde ich das Maul gegen den Himmel aufreißen.“ (Bernhard von Clairvaux, 1091-1153, Zisterzienser-Abt und Theologe)

?Werner Braun aus Fließem: Hallo Herr Reinhart, habe mit Interesse die (berechtigten) Einwände mehrerer Leser gegen den unwiderruflich in die Hose gegangenen Aufmacher mit dem Dreyer-Merkel-Brief gelesen … und natürlich Ihre Antwort. Es ist schon erstaunlich – und das meine ich jetzt durchaus positiv –, was Ihnen da immer so einfällt als Antwort, qualitativ und auch quantitativ.

Mit Ihrem Talent hätten Sie zum Beispiel besser eine Woche zuvor den großen Artikel „Ein Heimatfilm am Tag der Deutschen Einheit“ selbst verfasst, anstatt da was aus der RTL-Pressemappe zu übernehmen (auch wenn dpa dabeistand).

Nun stehe ich solchen „TV-Event-Produktionen“ ja aus Erfahrung zum Glück schon länger äußerst kritisch gegenüber – sonst hätte ich mir das Machwerk am Ende aufgrund des TV-Berichtes glatt noch angesehen. So informierte ich mich noch etwas weiter und bekam zu lesen: „Die Acht-Millionen-Euro-Katastrophe“ titelt Spiegel online und fährt unter anderem fort mit: „Sehenswert ist leider nur eine einzige Szene – ein schwarzes Loch verschluckt Yvonne Catterfeld.“ Und kommt zum Resümee eines „sturzdummen, humorfreien und kraftmeiernden Pathos-Quatsch“. Und selbst die Bild-Zeitung titelt: „Der schlechteste Film des Jahres – Ein hanebüchenes Weltuntergangsszenario mit absurder Handlung, blassen Figuren und billigen Spezialeffekten!“ Diesen und noch anderen Besprechungen verdankte ich einen schönen Fernsehabend mit einem anderen Programm – leider war es mal wieder MEHR WERT!, dem Volksfreund NICHT zu vertrauen!

?Lieber Herr Braun,

das sehe ich genauso. Der Text der Deutschen Presse-Agentur (dpa) enthält keine Wertung oder Zuschauer-Empfehlung. Doch so, wie der Film im Volksfreund angekündigt worden ist, entsteht der Eindruck, das Werk sei sehenswert, gar ein Fernseh-Ereignis. Ich kenne das „Event-Movie“ nicht, kann das nicht beurteilen; die Kritiken, die ich überflogen habe, waren vernichtend. Wir lernen: Vertrauen ist gut (hier: in die journalistische Qualität der dpa), Kontrolle besser (eigene Recherche).

?Karl Solchenbach aus Bitburg: In der Wochenendausgabe vom 2./3. November lese ich auf Seite 25 oben: „Prozess gegen Arzt: Mediziner steht wegen Fusch vor Gericht.“ Als Leser mit einem Restgefühl für Orthografie (auch nach neuer Rechtschreibung) fragt man sich: In welchem Pisa-Loserland ging die/der verantwortliche TV-Redakteur zur Schule? Hier in Rheinland-Falz? Oder in Nordrhein-Westpfalen? Oder gar in Niedersachen (das sind die mit dem Ferd)?

Kommen Sie mir jetzt nicht mit „Tippfehler“, dort ist das „pf“ ja korrekt …

?Lieber Herr Solchenbach,

da gibt es keine zwei Meinungen: Fusch? Völlig verpfuscht! Historisch liegt der Fall anders: Im Grimm’schen Wörterbuch finden sich Belege für:

Fusch, der: „ein rasches fassen an den haaren mit raufen oder zausen“, etwa ein „haarfusch“ als Strafe für Brotdiebe.

Fuschelei, die: „heimliche, versteckte regsame thätigkeit mit der hand oder den händen zu betrug“, zum Beispiel beim Kartenspiel.

fuscheln: unter anderem „geschäftig sich hier- und dahin begeben oder hier und da sein und nichts thun“ sowie „etwas hin- und herbewegen“.

fuschen: 1) „in das schwedische entlehnt, wo fuska heimlich listig vertauschen, durchstecherei treiben bedeutet. 2) was pfuschen (s. d.), mit welchem worte fuschen, in dem nd. f das hochd. pf vertritt, eins ist. […] auch in dieser bedeutung wurde das wort in das schwed. entlehnt, wo es ebenfalls fuska lautet, und das dän. nahm es auf in fuske.“

Fuscher, der: „was pfuscher (s. d.), mit welchem worte es eins ist und nur nach niederdeutscher aussprache f für pf hat.“

Fuscherei, die: „geheime verabredung oder geheimes verständnis zum betrug eines dritten. auch einschwärzen von waaren.“

Fuschersleute, die: „die pfuscher sind, schlechtes leisten.“

So weit die Brüder Grimm. Der entscheidende Hinweis: niederdeutsch mit „f“, hochdeutsch mit „pf“, ein Merkmal der zweiten Lautverschiebung von anno dunnemals. Sollte bei den Redakteuren des Volksfreunds angekommen sein.

Erstaunlich: Der Duden listet fuschen/fuscheln („heimlich umherlaufen, täuschen, hastig und tastend mit den Händen etwas suchen“) als Synonym für pfuschen und schlampen

?Eva Hellenbrand per Mail: Jasmin Wagner schreibt im Artikel „Viel mehr als ein Konfliktherd“ (TV vom 4. November) vom „Ansinnen“ des israelischen Botschafters. Ich hoffe doch sehr, dass sie das nicht wirklich meint. Meines Wissens versteht man unter „Ansinnen“ etwas eher Unzumutbares. Ich denke, dass der Botschafter einen legitimen Wunsch zum Ausdruck bringt.

?Liebe Frau Hellenbrand,

Sie haben recht, Ansinnen bedeutet zwar auch: Ersuchen, Verlangen, Vorschlag, hauptsächlich jedoch: unannehmbare Forderung, Zumutung. Das falsche Wort am falschen Platz.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

 

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