Deutschlands dümmste Autofahrer

Nachfrage von zwei Lesern zur Antwort auf die jüngst erörterte Frage, was denn nun Boulevard-Journalismus genau sei?

Liebe Leser,

ein weites Feld. Boulevard bedeutet: Prachtstraße. Nun ja, klingt majestätischer als Gasse oder Gosse.

Blätter wie Bild oder Express werden „auf der Straße“ verkauft, an Laufkundschaft – im Gegensatz zu Zeitungen wie dem Volksfreund, die am Kiosk erhältlich sind, jedoch überwiegend an Abonnenten zugestellt werden, per Bote oder Post.

Im Getümmel des Boulevards erzeugt nur der Aufmerksamkeit, der laut genug schreit. Daher die schrille, grelle, reißerische, aufs Äußerste verdichtete Aufmachung. Abo-Zeitungen bringen ihre Botschaften dagegen ohne Höllenspektakel zu den Lesern.

Also, wie geht Boulevard-Journalismus? Vergessen wir mal die Theorie. Ich konstruiere ein Beispiel: eine Posse in drei Akten und zehn Szenen – frei erfunden, maßlos übertrieben und total fies (bitte nicht verklagen, ist nur Spaß!).

Erster Akt. Der Plan.

1. Szene: Die Redaktion des Blitz-Blatts ist verzweifelt. Wir brauchen einen Kracher, stöhnt Chefredakteur Diek Kaimann, ein Thema, das die Leute aufregt, bei dem die Emotionen schäumen, das Herz und Bauch berührt: hmm … irgendwas mit Autofahrern vielleicht, hatten wir lange nicht mehr!

2. Szene: Der Aufhänger ist rasch ausgespäht, eine neue wissenschaftliche Studie, Vergleich zwischen Städtern und Landeiern oder so. Ziemlich lahme Fakten, meint Reporter Harry Hurtig. Egal, er wird beauftragt, eine knallige Titelgeschichte zusammenzukleistern. Denn der Chef hat eine Idee, er will: die Rangliste der schlechtesten Autofahrer Deutschlands!

3. Szene: Harry Hurtig kramt gut abgehangene Vorurteile raus und motzt sie mit, ähem, etwas künstlerischer Freiheit auf. Seine These: In der Eifel gurken die miesesten Chauffeure der Nation herum, Kennzeichen BIT und DAU. Bloß, wie begründen? Ah, gab’s da nicht neulich die Meldung über einen Analphabeten, der siebzig Jahre ohne Führerschein unterwegs war, bevor er ungebremst in einen Schweinestall raste? Wenn dieser eine nicht lesen kann, packen es alle anderen auch nicht!

4. Szene: Die Geschichte nimmt Tempo auf, die Redakteurin Pauline Pulitzer bürstet sie auf Krawall, streicht den letzten kümmerlichen Rest von Sachlichkeit. Yep!, triumphiert sie, das nenne ich perfekte Verlierer: Die Autofahrer aus BIT und DAU brettern mit 80 Sachen durch die 30er-Zone, weil sie die Verkehrszeichen nicht entziffern können!

5. Szene: Reicht nicht, jammert Diek Kaimann, das verpufft. Polemisiert! Polarisiert! Pflegt die Feindbilder! Hetzt sie ein bisschen gegeneinander auf!

Nichts leichter als das, ein paar Klischees genügen: Kennzeichen BIT (Bier im Tank) und DAU (Deppen auf Urlaub) und WIL (Wildsau im Lande – ohne Rücksicht auf Verluste mit Karacho durchs Unterholz) und TR (Trantüte vor Ampel – blockiert bei Staus jede Kreuzung und hupt sich dann um den Verstand). Reihenfolge ist wurscht.

Zweiter Akt. Die Kampagne.

1. Szene: Der Chef höchstselbst formuliert eine fette, zugespitzte Überschrift und setzt ein Ausrufezeichen dahinter:

„Irre Studie: Dümmste Autofahrer kommen aus der Eifel – ganz Deutschland lacht!“

2. Szene: Fortsetzung am nächsten Tag, blanke Eskalation:

„Riesen-Skandal: Eifeler zu Unrecht am Pranger – Trierer viel schlimmer!“

3. Szene: Empörte Reaktionen, wüste Beschimpfungen, die Volksseele kocht – und die Boulevard-Macher legen nach:

„Der geilste Streit des Jahres: Jetzt spricht Schumi über die durchgeknallten Provinz-Bubis!“

Dritter Akt. Das Finale.

1. Szene: Lässt sich beliebig ausquetschen, so eine Story – bis die Leser die Lust verlieren. Diek Kaimann beschließt nach wenigen Tagen: Einmal noch, dann ist’s genug, und wir jagen eine andere Wutz durchs Dorf.

2. Szene: Ende der wahnwitzigen Show: Flugs schwenkt das Blitz-Blatt um, rehabilitiert die blamierten Eifeler und Moselaner und Trierer, erklärt sie zu Gewinnern und präsentiert den wahren Schuldigen:

„PS-Wut: Autofahrer in BIT, DAU, WIL und TR sauer – Wissenschaftler fälschte Studie!“

?Haben Sie, liebe Leser, derlei Boulevard-Klamauk schon mal im Volksfreund gesehen? Ja! Aber nur in dieser Kolumne …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

 

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1 Kommentar

  1. Ich habe keine Ahnung, wie ich hierher fand, auch war ich nicht an diesem Thema interessiert, aber der Beitrag ist Klasse! Habe mir die Aufführung in drei Akten gebookmarked.

    Grüße aus der Türkei,
    /A.

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