Der Daumen des Türstehers

Amy aus Trier schreibt zur Berichterstattung über einen Großbrand in der Stadt:

Liebe Redaktion,

seit fünf Jahren lebe ich in Trier und sehe mich der lokalen (Boulevard)Presse ausgesetzt.

Die Online-Präsenz setzt dem Ganzen die Krone auf, denn hier, im multimedialen Internet, steht dem tüchtigen „Journalisten“ nun auch Platz für Video- und Bildmaterial zur Verfügung.

Für mich treibt dies aber im Falle des Brandes in der Lindenstraße abartige mediale Blüten:

Nicht nur, dass Videomaterial zum Brand zur Verfügung gestellt wird, nein, 57 Bilder werden dem Katastrophentouristen dargeboten. Gemeinsam wird Gesehenes dann auf der entsprechenden sozialen Plattform geteilt.

Die Spitze des Eisberges – für mich persönlich – ist aber, dass offensichtlich eifrige Hobbyfotografen aus der unmittelbaren Nachbarschaft ihre neuesten Errungenschaften online stellen (lassen), während auf der Straßenseite gegenüber, oder auch schräg seitwärts unabsehbarer Schaden und Leid entstehen.

Frage: Wieso stellen Sie so was online? Das ist Ihr sogenannter Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält? Der Vergleich mit der Bild-Zeitung ist noch zu harmlos, so etwas Pietätloses habe ich selten erlebt. Und jetzt bitte keine Antwort à la das wollen die Leute sehen, denn das ist keine Begründung, die den Printmedien würdig ist, sondern nur dem TV … noch eine (Stil)Blüte …

Eure Amy

Liebe Amy,

vielen Dank für Ihre Mail. Ich stimme Ihnen teilweise zu, teilweise vertrete ich eine andere Auffassung.

Es ist doch so: Menschen nutzen alle Medien, die ihnen zur Verfügung stehen. Zu allen Zeiten. An allen Orten. Selbst Gewaltherrscher wie Kim Jong Un kapieren das früher oder später.

Zugleich begegnen viele Menschen den Medien skeptisch. Zu allen Zeiten. An allen Orten.

Von der Papyrusrolle zur Zeitung, vom Fernsehen zum Internet: Wenn sich etwas verändert, barmen die Leute, das Neue (unheimlich, gefährlich) werde das Alte (geliebt, vertraut) zerstören. Sokrates tadelte vor zweieinhalb Jahrtausenden die neumodische Unsitte, sich schriftlich (!) mit Fragen der Philosophie auseinanderzusetzen (er zog den Dialog vor). Kaum hatte Gutenberg den Buchdruck erfunden, fielen manche Zeitgenossen ins Leid; der Schweizer Forscher Conrad Gessner warnte 1545 vor dem „verwirrenden und schädlichen Überfluss an Büchern“ – da gab’s die großartige Gutenberg’sche Druckerpresse erst wenige Jahre.

Nun also: virtuelle Echtzeitkommunikation. Googeln, twittern, facebooken, simsen, tickern, downloaden, bloggen, streamen, chatten. Die Generation Internet ist aufgewachsen mit der Kommentarfunktion. Und drückt, oft ohne nachzudenken, aufs Knöpfchen. Bling. Jeder kann Reporter sein, jeder kann die Medien füttern, jeder kann sich im Netz austoben.

Gut, wenn die Schwarmintelligenz das Wissen der Menschheit mehrt. Schlecht, wenn der Drang, das Privateste zu veröffentlichen, in Hass und Hetze endet.

Ein Beispiel: In der New York Times stand dieser Tage, dass der Staat Kalifornien mit einem neuen Gesetz gegen Mobber vorgehen will, um eine anscheinend grassierende Masche zu ächten: „Revenge Porn“ – aus Rache ins Netz gestellte intime Fotos von Ex-Freundinnen.

?Im klassischen Journalismus entscheiden Redakteure, was publiziert wird – und was nicht. Sie wachen, um es bildhaft auszudrücken, wie Türsteher darüber, dass nicht jeder Haudrauf mit zweifelhaften Manieren in die Disco kommt und Rabatz macht. Sie heben den Daumen oder senken ihn.

Sagen, was ist? Ja. Zeigen, was ist? Ja. Voyeurismus? Nein.

Das Feuer in Trier hat die halbe Stadt lahmgelegt. Völlig klar, dass über ein solches Unglück zu berichten ist. Was ist passiert? Warum haben Tausende im Stau gestanden? Das ist das eine. Viel wichtiger: das Schicksal der Menschen. Die alte Dame, die aus größter Gefahr gerettet worden ist. Der Student, der alles verloren hat.

Eine solche Geschichte berührt das Publikum. Mitfühlend erzählt, emotional. Aber nicht, wie in Boulevard-Medien üblich, sensationslüstern, mittels aggressiver Zuspitzung oder indem Sachverhalte verdreht, verkürzt, verzerrt worden wären. Sondern unaufgeregt. Die Fotos in der Zeitung, die Bilder und Videos im Internet prostituieren keineswegs die Not der Menschen. Meine Meinung: Die Türsteher in der Volksfreund-Redaktion haben professionell gearbeitet.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

 

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